


Boulevard
München/Gauting, 21.09. 2009 07:14
Speakers CornerMeinungen ohne Sinn und Verstand
Die schönste Krankheit taugt nichts...
Speakers CornerMeinungen ohne Sinn und Verstand
Die schönste Krankheit taugt nichts...
... wenn man nicht jemand damit behelligen / beschäftigen / belästigen / belabern / zuschwallen / aufhalten / konsultieren / befragen / beunruhigen / entsetzen / überfallen / anstecken (nicht Zutreffendes bitte streichen) kann. Es geht hier nicht um die wirklich ernsten Sachen, eher um die 95% der Gebrechen, die nur dazu dienen, sich interessant zu machen. Allerdings bevölkern die Anhänger dieser Kategorie die Wartezimmer der Allgemeinärzte und Spezialisten. Außerdem haben sie die ekelhafte Fähigkeit sich im Nu ins Zentrum jeder Unterhaltung zu manövrieren und komplette, so genannte gesellige Abende mit Beschlag zu belegen.
Es ist immer wieder erstaunlich, wie diese Menschen, in Ermangelung anderer Talente, es schaffen innerhalb kürzester Zeit einen harmlos vor sich hinplätschernden Plausch zum Thema Krankheit zu bringen und aus nichts ahnenden Zuhörern ziemlich unfreiwillige Mitglieder einer Gesundheits-Talkshow zu machen, bei der nur einer redet: unser eingebildete Kranke. In kürzester Zeit werden einem dann Dutzende mögliche aber auch weniger wirksame Therapien um die Ohren gehauen und – haste nicht gesehen – sind wir umfassend über die Unfähigkeit der Schulmedizin und die wundersam heilsamen Möglichkeiten der Alternativmedizin informiert.
Denn, Alternativmedizin muss es sein! Nirgendwo sind die Eilerfolge größer, die Nebenwirkungen geringer und vor allem die Nachprüfbarkeit der Wirkmechanismen unmöglicher als bei diesem boomenden Wirtschaftszweig. Es ist doch immer wieder schön zu beobachten, wie weitläufig anerkannt wirkungslose Substanzen bei einschlägigen Kandidaten zu Blitzremissionen führen, ohne zu bedenken, dass möglicherweise ein doch noch recht stabiles Immunsystem die Arbeit geleistet hat. Natürlich wird anschließend jeder, der nur entfernt verwandte Symptome aufweist, genötigt den gleichen Quatsch zu sich zu nehmen. Das Beste, was man über derartige Medikamente sagen kann, ist dass, wenn schon nutzlos, sie wenigstens nicht schädlich oder tödlich sind.
Natürlich werden wir auch nicht mit den herzergreifenden Geschichten über schulmedizinisch orientierte Allgemeinärzte verschont, die wissentlich und absichtlich die Gesundheit unseres Patienten an die Wand gefahren haben. Erst ein genialer Homöopath, Heilpraktiker, Geisterheiler oder Adept obskurer fernöstlicher Therapiemethoden schaffte es dann, unter Einsatz seines umfangreichen, gar göttlichen Wissens die Krankheit (in den meisten Fällen eine ziemlich banale Grippe) zu besiegen. Wehe, wenn sich unter der geneigten Zuhörerschaft ein ketzerischer Geist regt, der nur den leisesten Zweifel an dem ganzen Mumpitz äußert. Das Beste, was ihm passieren kann, ist nie wieder eingeladen zu werden.
Selbstverständlich steht es jedem frei, sich die Methode zum Ruin seiner Gesundheit selbst zu wählen. Es wäre allerdings sehr angenehm, wenn er (oder sie) es unterlassen könnte, aus dieser seiner Wahl ein allgemeingültiges Dogma zu machen. Es ist schon schlimm genug, wenn man des Samstags Morgen, nichts Böses ahnend, die Haustür öffnet und vor einem adrett gekleideten Menschen stehen, die versuchen einem ihren Ausweg aus der Hölle, sprich: ihre religiösen Überzeugungen nahe zu legen. Man hat da ja schon eine gewisse Übung, wie man sich am elegantesten aus der Affaire zieht. Meist genügt ein kleiner Hinweis auf abweichende Vorstellungen vom Ende aller Dinge, um den Herrschaften recht schnell klar zu machen, dass hier keine zu rettende Seele zur Verfügung steht. Leider sind diese rhetorischen Methoden nicht auf unsere Gesundheitsapostel anwendbar; schon deren Status als „Freund“ scheint ihnen alle Freiheiten der langweilenden Meinungsäußerung einzuräumen.
Allerdings sollte man es nicht so weit treiben, wie jener Patient im Wiener Allgemeinen Krankenhaus. Als der Chefarzt eines Morgens zur Visite kam, berichtete ihm die Nachtschwester ganz aufgeregt, dass der Simulant von Zimmer 23 in der Nacht verstorben sei. „Jetzt übertreibt er aber“ war die einzige Reaktion des Halbgottes in weiß.
PS: Kommt ihnen dieses kleine Schaustück (hier link) bekannt vor?
tomas nittner ist bildender Künstler, Grafiker und Autor. Seine Ausbildung genoss er an der Accadèmia di Brera in Mailand und an der Hochschule für Gestaltung, Abteilung Visuelle Kommunikation, in Ulm. Er war Mitarbeiter bei Otl Aicher für die Gestaltung der Olympischen Spiele in München 1972. Er hat ein Drittel seines arbeitenden Lebens im Ausland verbracht: Italien, Schweiz, Frankreich, Mexiko, USA. Als Grafiker hat er für namhafte Firmen im Bereich Corporate Design gearbeitet. In der bildenden Kunst stellte er in Deutschland, Italien, Frankreich, Griechenland und den USA aus. Als Autor war er an verschiedenen Satirebänden beteiligt und verfasst laufend satirische Texte, aber auch Werbetexte sind ihm nicht ganz fremd.
tomas nittner ist böhmisch-österreichischer Herkunft, in der Zwischenzeit eingemeindet.
Bildunterschrift:tomas nittner
Kontaktinformationen:
tomas nittner
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