


Boulevard
München/Gauting, 09.11. 2009 07:19
Speakers Corner - Meinungen ohne Sinn und Verstand
Novemberblues
Speakers Corner - Meinungen ohne Sinn und Verstand
Novemberblues
Schweinegrippe, normale Grippe, grippaler Infekt, Husten, Schnupfen, Heiserkeit, heisa kommt die Weihnachtszeit. Dieser arme Monat November wird immer für alles verantwortlich gemacht, was die mitteleuropäische Bevölkerung zu Wehleidern macht. Die Tage werden kurz und kürzer, die Sonne schafft‘s kaum über den Horizont, schon ist sie wieder weg, die nasse Kälte geht um. Dabei übersehen die meisten den stillen Charme dieses Zeitabschnitts im Jahr.
Alles kommt zum Stillstand, die Natur kapselt sich ein und macht allen klar, dass sie auch mal Urlaub braucht von all den Freizeit-Fanatikern, die sich sonst überall laut und aufdringlich rumtreiben. Das Beste am November ist, dass sich nichts tut. Kein Oktoberfest, keine Radtouren, keine Biergärten, keine Freizeitkapitäne, keine Ausflügler und die wenigen, die sich doch rumtreiben, sind früh zu Hause, weil‘s dunkel wird.
Natürlich könnte man einwenden, dass der November der Monat ist, in dem sich die meisten Leute in ein angeblich „besseres Leben“ katapultieren, vielleicht weil ihnen die Nutzlosigkeit des Daseins erst jetzt richtig klar wird. Ja, ja, Deutschland, das Land der Romantiker; wenn man sich schon umbringt, muss wenigstens das Ambiente stimmen. Eines stimmt allerdings: Wenn es draußen kalt und grauslig ist, sodass man nicht vom schönen Wetter abgelenkt und das Fernsehen die Hauptfreizeitbeschäftigung wird, fällt einem doch schon mal auf, wie miserabel eigentlich das Programm ist. Da kann sensiblen Gemütern schnell die Nutzlosigkeit und Kahlheit ihrer Existenz offensichtlich werden. In der Politik nennen sie das „Kollateralschaden“, vergießen große Krokodilstränen und gehen zum nächsten Amoklauf über. Aber auch das kann man beileibe nicht als machbare Lösung betrachten. Nur den November dafür, und für alles andere, verantwortlich zu machen ist ziemlich unfair, muss der arme Kerl doch schon an mindestens drei Feiertagen für alle vergangenen Toten herhalten.
Sehen wir‘s doch mal positiv. Der November ist der letzte stille Zeitraum, bevor dieser ganze Weihnachtswahnsinn losgeht. Christkindlmärkte, Adventsgesinge, von Tand überbordende Geschäfte und in jeder Straße der Innenstädte unfreundliche, hastende, gestresste Leute, die sich selbst und all die hassen, für die sie irgendeinen Unsinn zum Fest aller Feste besorgen müssen. Dagegen im November: Ruhe allerorten, ein paar missmutige Amseln und Rabenvögel allerorten. Einen unschönen Aspekt gibt es allerdings. In den letzten Jahren haben sich überall diese äußerst aufdringlichen Laubgebläse breitgemacht, die bald unter die verbotenen Foltermaßnahmen der Genfer Konvention aufgenommen werden sollten. Alle reden von widerlichen Verhörmethoden diverser Geheim- und nicht so geheimer -Dienste, nehmen aber die qualvolle Geräuschkulisse mit zusammen gebissenen Zähnen widerspruchslos in Kauf. Aber, was tut man nicht alles im Dienste der Demokratie...
Außer dieser, zugegebenermaßen, unangenehmen Begleitumstände, gibt‘s doch ein paar komische Aspekte. Spätestens haben die Reifendienste Hochkonjunktur. Zu Dutzenden stehen dann unser wackeren Chauffeure deutscher Ingenieurkunst, frierend, mit den Armen windflügelartig um sich schlagend und mit den Füssen stampfend vor einschlägigen Werkstätten rum und warten sehnsüchtig auf die Umrüstung ihrer Fahrzeuge. In allen anderen Jahreszeiten wird ins dieses Schauspiel nur an Samstagen vor den Autowaschanlagen der Republik geboten. Langsam beginnen auch die Fensterkratzorgien morgens um sieben Uhr, wie jedes Jahr gibt es genügend Clowns, die vergessen haben, am Abend vorher einen Pappdeckel hinter die Scheibenwischer zu klemmen.
Ansonsten, ziemlich langweilige Stille, die wieder mal der Beweis ist, dass die so genannte „Staade Zeit“ tatsächlich bereits im November stattfindet. Die Ruhe vor dem Sturm, bevor im Dezember in einem tosenden Crescendo das Jahr ohne Würde und Rücksichtnahme, aber dafür sang- und klanglos beerdigt wird.
tomas nittner ist bildender Künstler, Grafiker und Autor. Seine Ausbildung genoss er an der Accadèmia di Brera in Mailand und an der Hochschule für Gestaltung, Abteilung Visuelle Kommunikation, in Ulm. Er war Mitarbeiter bei Otl Aicher für die Gestaltung der Olympischen Spiele in München 1972. Er hat ein Drittel seines arbeitenden Lebens im Ausland verbracht: Italien, Schweiz, Frankreich, Mexiko, USA. Als Grafiker hat er für namhafte Firmen im Bereich Corporate Design gearbeitet. In der bildenden Kunst stellte er in Deutschland, Italien, Frankreich, Griechenland und den USA aus. Als Autor war er an verschiedenen Satirebänden beteiligt und verfasst laufend satirische Texte, aber auch Werbetexte sind ihm nicht ganz fremd.
tomas nittner ist böhmisch-österreichischer Herkunft, in der Zwischenzeit eingemeindet.
Bildunterschrift:tomas nittner
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tomas nittner
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