


Boulevard
München/Gauting, 17.08. 2009 07:14
Speaker’s Corner Meinungen ohne Sinn und Verstand
Die schönste Tage (und Nächte) des Jahres
Speaker’s Corner Meinungen ohne Sinn und Verstand
Die schönste Tage (und Nächte) des Jahres
Eigentlich muss so ein durchschnittlicher Arbeitgeber um diese im August jeden Jahres in abgrundtiefe Depression versinken. Wenn man den Aussagen der Werbung glauben darf, sind das ja die schönsten Augenblicke des Jahres, vergoldet durch verlockende Fernreiseziele, schmackhaft gemacht mithilfe vollmundiger Versprechen, dass der Urlaub doch die einzige Zeit im Leben eines Menschen sei, das dieses lebenswert macht. Und die Leute glauben das auch noch, so mit Seele baumeln lassen und was es nicht sonst noch an schwachsinnigen Attributen gibt.
So ein Unternehmer muss wirklich den Eindruck bekommen, dass all diese Tausenden von angeblichen Arbeitnehmern die meiste Zeit des Jahres damit verbringen einer Tätigkeit nach zu gehen, die sie im Grunde genommen weidlich hassen. Kein Mensch hat bis dato vergleichbar poetische Umschreibungen für Arbeit gefunden, wie für den sakrosankten Urlaub. Nichts, außer Weihnachten, scheint dem Deutschen so heilig zu sein, wie diese circa vier Wochen, die angeblich dazu da sein, die volle Arbeitskraft wieder herzustellen. Auf dass man dann wieder 11 Monate hinklotzen kann. Wenn‘s wenigstens so wäre...
Denn auch beim so viel geliebten Urlaub geht‘s doch so zu wie im ganz normalen Leben. Wo immer der hoffnungsfrohe und erlebnishungrige Erdenbürger auch hinfährt, überall nimmt er seine Probleme mit hin: Die liebe Familie und viel Zeit, nämlich 24 Stunden am Tag mit ihr. Da helfen die besten Vorsätze nicht weiter, nach spätestens einer Woche fangen Sandburgen, Federballspielen oder „kulturelle“ Ausflüge ins Hinterland an zu nerven. Mal ganz nüchtern betrachtet (was die meisten Deutschen in den Ferien wahrscheinlich nur am ersten und am letzten Tag sind), ist die ausschließliche Beschäftigung mit der Urzelle jeder Völkergemeinschaft, nämlich der Familie, für die meisten bei der Planung dieser ominösen Freizeitvergnügungen nicht, oder vom Jahr zuvor nicht mehr, präsent genug, um gleich ab initio mal was völlig anderes zu planen. Zum Beispiel, dass jeder allein verreist, oder zu Hause bleibt und die anderen verreisen, oder vielleicht das ganze Unternehmen wegen wachsender Panikattacken überhaupt völlig bleiben lässt und weiterhin ins Büro geht, als sei nichts gewesen.
Machen wir uns doch nichts vor: Da ist man das ganze liebe Jahr gut organisiert in der jeweiligen Arbeit, kommt am Abend heim, isst, beschäftigt sich gefühlte 19 Minuten mit den lieben Kleinen und haut sich vor den Fernseher. Nicht so im Urlaub, oh nein! Da ist voller, ganztägiger Einsatz gefragt, und zwar bittschön mit freudigster Miene zum bösen Spiel, denn schließlich sind das ja die schönsten Tage des Jahres, verdammt noch mal! Kein Wunder, dass bei den meisten nach recht kurzer Zeit Ernüchterung breitmacht und Fragen nach dem Sinn des Woher und Wohin und Warum auftauchen, die nach bewährter Manier im frei verfügbaren Alkohol klein gehalten werden.
Spätestens nach 10 Tagen beginnt man die verbleibenden Tage zu zählen, natürlich ohne sich etwas anmerken zu lassen, denn schließlich ist man da um sich zu amüsieren, zu erholen und überhaupt war da ja noch die Sache mit der Seele, die einem aus dem Hals raus zu baumeln hat. Also beißt man die Zähne zusammen, spielt die zugewiesene Rolle und versucht die Zeit ohne nennenswerten groben Streit totzuschlagen. Da man ja noch nicht mal sich selbst gegenüber ehrlich ist, fällt es leicht, nach der Heimkehr den Nachbarn, Freunden, Familienmitgliedern und Arbeitskollegen vom ach so harmonischen Urlaub zu schwärmen. Das tröstliche ist, dass je länger die Ferien vorüber sind, desto mehr glaubt man selbst daran zu glauben, wie schön sie doch waren, die schönsten Tage des Jahres.
Kleiner Trost für die Arbeitgeber: Seinen Angestellten geht‘s dabei auch nicht besser als ihm, außer dass sie vielleicht weniger Geld ausgegeben haben. Sein Vorteil ist, dass sich die meisten wahrscheinlich insgeheim freuen, endlich wieder zum ganz stinknormalen Leben zurückzufinden. Aber nächstes, Jahr, da machen wir‘s bestimmt ganz anders!
tomas nittner ist bildender Künstler, Grafiker und Autor. Seine Ausbildung genoss er an der Accadèmia di Brera in Mailand und an der Hochschule für Gestaltung, Abteilung Visuelle Kommunikation, in Ulm. Er war Mitarbeiter bei Otl Aicher für die Gestaltung der Olympischen Spiele in München 1972. Er hat ein Drittel seines arbeitenden Lebens im Ausland verbracht: Italien, Schweiz, Frankreich, Mexiko, USA. Als Grafiker hat er für namhafte Firmen im Bereich Corporate Design gearbeitet. In der bildenden Kunst stellte er in Deutschland, Italien, Frankreich, Griechenland und den USA aus. Als Autor war er an verschiedenen Satirebänden beteiligt und verfasst laufend satirische Texte, aber auch Werbetexte sind ihm nicht ganz fremd.
tomas nittner ist böhmisch-österreichischer Herkunft, in der Zwischenzeit eingemeindet.
Bildunterschrift:tomas nittner
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