


Boulevard
München/Gauting, 03.08. 2009 10:41
Speaker’s Corner - Meinungen ohne Sinn und Verstand
Wortgeschwurbel und Phrasendreschen
Speaker’s Corner - Meinungen ohne Sinn und Verstand
Wortgeschwurbel und Phrasendreschen
Im Rahmen unserer weltmännischen Weitläufigkeit werden wir nahezu täglich Opfer auswärtiger Redensarten, die meist schlecht als recht und oft unter Vergewaltigung der Sprache übernommen werden. War es in vergangenen Zeiten das Französische, das oft und gerne zur Würze der deutschen Sprache eingesetzt wurde, so ist es heute meist das Englische, oder vielmehr das Amerikanische, das uns zu wahren Weltbürgern macht.
Kürzlich brachte eine Dame, ansonsten von brauchbarer Intelligenz beseelt, den Begriff „Quality Time“ ins Spiel. So ganz locker und natürlich mit perfekter amerikanischer Aussprache. Nun hat dieser Spruch schon im Original einen gewissen Haut Gôut (um mal wieder die französische Version der „Sprachbereicherung“ zu nutzen). So weit bekannt, wurde er als erstes von Psychologen eingeführt, um die männlichen Mitglieder von „Patchwork-Familien“ (im Deutschen klingt das, mit „Stückwerk-Familien“, nicht halb so gut) aufzufordern sich mehr um ihre Kinder und Gefährtinnen zu kümmern. Wir hätten da so schöne Worte wie Zuwendung, Anteilnahme oder Verständnis, klingt aber alles nicht halb so gut.
Nett ist auch das allgegenwärtige „Das macht Sinn“. Im Amerikanischen stimmt das sogar. Im Deutschen hatten wir dafür früher die Begriffe „Sinnvoll“ beziehungsweise „Sinnlos“. Wie und warum sich diese etwas tumbe Formulierung eingeschlichen hat, ist leider in den Tiefen Tausender „Talk Shows“, untergegangen. Ach ja, für Talk Show gäbe es auch die Bezeichnung Streitgespräch, aber wir wollen ja alle so furchtbar lieb zueinander sein, da sollte man doch nicht von Streit sprechen, selbst wenn man sich nur in Gesprächen darüber unterhält.
Und dann gibt es noch eine endlose Reihe vom Amerikanismen, für die man sich schon ar keine Mühe gegeben hat eine adequate Übersetzung zu finden. Simsen, outgesourced (die Kombination von englisch und deutsch ist hier besonders apart), recycled, gehandelt; im Vergleich dazu klingt Handy ja schon fast wie eine originäre deutsche Wortschöpfung. Sehr beliebt ist auch bei allen Wichtigtuern die „Win-Win-Situation“. Kaum bringt einer unserer Schlaumeier diese ins Spiel, suchen bereits alle anderen in ihrem Wortschatz, wie sie das noch übertrumpfen können, um nicht als Loser (Luuuser gesprochen) dazustehen. Aber wenn es hilft, den Deal zu closen, ist jeder Unsinn gerade gut genug.
Was wiederum ausgezeichnet zur Quality Time passt, ist das unschuldige Wörtchen „genießen“. Mag ja sein, dass es nur mir auffällt, aber in letzter Zeit kommen mir immer öfter Leute unter, die einem zum Beispiel sagen: „Ach wissen sie, am Abend nehm' ich mir dann ein gutes Glas Rotwein (ein gutes Buch, was auch immer, nur „gut“ muss dabei sein) und entspanne mich. Ich geniiiiiiiiiieße das“. Und immer mit langezogenem „iiiiiiiiiiiii“. Wahrscheinlich möchten sie damit unterstreichen, wie hoch ihr Quality-Anspruch doch ist, im Vergleich zum Rest des Plebs, der sie umgibt. Nichts fördert doch das Wohlbefinden mehr, als der Welt zu zeigen, welch hohes Niveau man doch selbst beanspruchen darf.
Dieser andere Rest der Welt pointiert seine Sätze dafür mit einem locker und reichhaltig gestreutem „Genau“, wahlweise „keine Ahnung“. Da man anscheinend in grauen Vorzeiten mal gelernt hat, Sätze nicht mit Ääääh zu würzen, müssen andere Füllstoffe her, um das, was sowieso niemand wissen will, noch uninteressanter zu machen. Bei Jugendlichen bis zum vierzigsten Lebensjahr können das locker ein „Genau“ bei jedem zweiten und ein „Keine Ahnung“ bei jedem vierten Satz sein. Bei den Älteren kommt dann zumeist der altehrwürdige Anspruch „...aber in unserer Jugend war das...“ Aber nur Mut, schon Pythagoras wusste sich in dieser Form über die Jugend seiner Zeit auszudrücken, sie sind also in bester Gesellschaft.
„Getret'ner Quark wird breit, nicht stark“ meinte dazu schon der Großmeister der deutschen Sprache aus Frankfurt. Ist ja nur gut, dass Quark im Deutschen viel lautmalerischer als Im Amerikanischen ist, sonst käme bestimmt wieder jemand auf die Idee, es einzudeutschen. Das wäre dann eine Art von Reimport, ganz ohne Abwrackprämie... wobei wir wieder bei ziemlich eigenartigen, aber urdeutschen Wortschöpfungen wären.
tomas nittner ist bildender Künstler, Grafiker und Autor. Seine Ausbildung genoss er an der Accadèmia di Brera in Mailand und an der Hochschule für Gestaltung, Abteilung Visuelle Kommunikation, in Ulm. Er war Mitarbeiter bei Otl Aicher für die Gestaltung der Olympischen Spiele in München 1972. Er hat ein Drittel seines arbeitenden Lebens im Ausland verbracht: Italien, Schweiz, Frankreich, Mexiko, USA. Als Grafiker hat er für namhafte Firmen im Bereich Corporate Design gearbeitet. In der bildenden Kunst stellte er in Deutschland, Italien, Frankreich, Griechenland und den USA aus. Als Autor war er an verschiedenen Satirebänden beteiligt und verfasst laufend satirische Texte, aber auch Werbetexte sind ihm nicht ganz fremd.
tomas nittner ist böhmisch-österreichischer Herkunft, in der Zwischenzeit eingemeindet.
Bildunterschrift:tomas nittner
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