


Boulevard
München/Gauting, 10.08. 2009 09:07
Speaker’s Corner - Meinungen ohne Sinn und Verstand
Wie man in den Wald hinein schwallt...
Speaker’s Corner - Meinungen ohne Sinn und Verstand
Wie man in den Wald hinein schwallt...
...kommt noch lange nix zurück. So ein Schreiberling hat‘s nicht leicht. Eine der wichtigsten Voraussetzungen für erfolgreiches Schreiben ist beileibe nicht das Talent der flinken und eleganten Feder, oder eine Art exhibitionistisches Mitteilungsbedürfnis, sondern ganz schlicht ein breit gefächertes Selbstbewusstsein. Da bemüht er sich redlich hier ein witziges Thema aufzuspüren, dort eine elegant-satirische Redewendung, da eine originelle Wortschöpfung zu finden. Und das Ergebnis?
Null Resonanz, zilch, nada, niente, nijetschiwo. Gut, wenn jemand sich einbildet ein Buch, einen Roman oder gar Lyrik zu schreiben, hat er vielleicht noch den Schimmer einer Wahrscheinlichkeit, dass sein Opus vom Kritiker des „St. Inzuchtinger Tagblatt“ mehr oder weniger wohlwollend beachtet und und mit einigen Zeilen am Rande des Kulturteils bedacht wird. Brosamen vom hohen Tisch der Kritikaster...
Der normale Lohnschreiber kann nur hoffen, dass er von den kargen Honoraren, die scheinbar allgemein üblich sind, bis zum Ende des Monats seine tägliche Notration von Tabak und Alkoholika bestreiten kann. Wäre sein seelisches Gleichgewicht von der Anteilnahme seiner Leser abhängig, könnte er nur hoffen, dass ihm irgendwann seine Krankenkasse (so er denn eine bezahlen kann) eine ausgedehnte Psychotherapie bezahlen wird. Denn vom Leser seiner (natürlich immer genialen) Zeilen ist keine Reaktion zu erwarten.
In der altehrwürdigen „London Times“ gab früher oft monatelange Fehden von Lesern in der Leserbriefabteilung. Manche Leute blätterten sogar als erstes auf diese Seiten um zu sehen, welche wütenden Argumente denn heute der Leser McBrown gegen die Auslassungen des Leserbriefschreibers Fergueson von der Vorwoche zu bieten hatte. Ein Streit, der natürlich wegen eines längst vergessenen Artikels ausgebrochen war und der mit aller Vehemenz britischer Exzentrik gefochten wurde. Nicht selten sogar, dass sich gleich mehrere Kontrahenten zum gleichen Thema fanden und dem Rest der Leserschaft einen amüsanten Einblick in eine, teilweise kuriose, aber immer unterhaltsame intellektuelle Auseinandersetzung bot.
So ganz hat diese Anteilnahme der Leser am ihnen vorliegenden Lesestoff bei uns nie gegriffen, obwohl in einigen Wochenzeitungen und -Zeitschriften sehr wohl Anzeichen dafür zu finden sind. Die Ursachen dafür könnten natürlich mannigfaltig sein, haben aber wahrscheinlich hauptsächlich mit einer wachsenden konsumorientierten Mentalität zu tun. Wir werden jeden Tag und 24 Stunden zugeschwallt mit Worthülsen, mit Satzfragmenten und zweifelhaften Heilversprechen. Im Fernsehen, im Internet, im Radio und auf der Straße. Alles ist billig und das meiste ist umsonst, also auch Meinungen und Überzeugungen. Außerdem verführen alle diese Medien zu einer geistigen Faulheit und Trägheit, die uns sanft einlullen und jegliche Reaktion sofort im Keim ersticken. Lieber schüttelt man sich behäbig und langsam, wenn einem der eine oder andere Artikel nicht so recht mundet, aber selbst zu Feder oder Tastatur greifen, da sei Pegasus vor, wäre ja uncool sich zu entblöden und eine Meinung kund zu tun.
Außerdem muss unser kleiner Schreiberling ja froh sein, dass überhaupt jemand seine Hirngespinste liest, denn mit der Lesefreude scheint‘s ja nicht mehr sehr weit her zu sein, in unserem kleinen Land. In Frankreich findet noch heute jedes Jahr die so genannte „Dictée nationale“ statt, ein Diktatwettbewerb, der im Rundfunk stattfindet, bei dem drei Texte mit wachsender Schwierigkeit und Komplexität vorgelesen werden, die das Volk mitschreibt und zur Bewertung einschickt. Einem Monat später werden, wiederum im Radio die jeweiligen Gewinner veröffentlicht und die ganze Grande Nation fiebert den Ergebnissen entgegen. Es soll sogar passiert sein, dass Jack Lang, weiland Kultusminister von Frankreich, bei der schwierigsten Version „nur“ elf Fehler gemacht hatte und alle, alle applaudierten. Kann man sich bei uns nur schwerlich vorstellen...
tomas nittner ist bildender Künstler, Grafiker und Autor. Seine Ausbildung genoss er an der Accadèmia di Brera in Mailand und an der Hochschule für Gestaltung, Abteilung Visuelle Kommunikation, in Ulm. Er war Mitarbeiter bei Otl Aicher für die Gestaltung der Olympischen Spiele in München 1972. Er hat ein Drittel seines arbeitenden Lebens im Ausland verbracht: Italien, Schweiz, Frankreich, Mexiko, USA. Als Grafiker hat er für namhafte Firmen im Bereich Corporate Design gearbeitet. In der bildenden Kunst stellte er in Deutschland, Italien, Frankreich, Griechenland und den USA aus. Als Autor war er an verschiedenen Satirebänden beteiligt und verfasst laufend satirische Texte, aber auch Werbetexte sind ihm nicht ganz fremd.
tomas nittner ist böhmisch-österreichischer Herkunft, in der Zwischenzeit eingemeindet.
Bildunterschrift:tomas nittner
Kontaktinformationen:
Wessobrunner Straße 4
82131 Gauting
+49-(0)89-791 68 86
+49(0)171-796 74 27
http://www.nittner-arts-painting.de
Drucken der Pressemitteilung