


Boulevard
München/Gauting, 07.12. 2009 06:55
Speakers Corner - Meinungen ohne Sinn und Verstand
Den Schniedel durch die Asche ziehen
Speakers Corner - Meinungen ohne Sinn und Verstand
Den Schniedel durch die Asche ziehen
...oder so ähnlich. Über die eigenwillige Interpretation, sprich Übersetzung, von, sagen wir, koreanischen Gebrauchsanweisungen ist sattsam berichtet worden. Die dort zu findenden Formulierungen haben schon seit Zeiten Komiker und andere Kabarettisten in karges, aber beständiges Lohn und Brot versetzt. Das Schlimmste, was einem mit diesen Pamphleten passieren kann, ist dass man das dazu gekaufte Gerät nur mit Hilfe von Freunden/Kollegen, oder durch geduldiges Rumprobieren zum Laufen bringt.
Manchmal geht das Teil natürlich auch durch grobmotorische, (sprich an die Wand werfen) Behandlung kaputt; dann kann man entweder sagen, dass man es nicht dringend brauchte, oder dass es nicht viel mehr wert ist als die mitgelieferte Gebrauchsanweisung.
Neben diesem weitläufig bekannten Problem führen allerdings die allerorten „Selbstbedienungspackungen“, die in fast allen Konsumtempeln angeboten werden, ein ausgesprochenes Mauerblümchendasein. Ob Wurst oder Käse, Bonbons oder Knabberzeugs, Elektroartikel oder Kondome, alles wird heutzutage in kleidsames Plastik verpackt. Das Ganze wird uns, das nur am Rande bemerkt, als größtmöglich Hygiene oder Schutz des ach so kostbaren Produktes angepriesen. Kein Mensch gibt natürlich zu, dass es ausschließlich dazu dient, in Supermärkten den „Abverkauf“ (eines der fiesesten modernen Wortschöpfungen) zu erleichtern, oder den Kaufladen vor unberechtigtem Entfernen des Gegenstands von der Truppe, vulgo Diebstahl, zu verhindern.
Schon die grafische Gestaltung dieser Verpackungen ist eine Zumutung. Hat sich eigentlich noch niemand an dem Wörtchen „Serviervorschlag“ gestoßen, wenn auf dem Foto neben einer äußerst lecker aussehenden Scheibe Wurst ein Zweiglein Petersilie ein so unmotiviertes wie trauriges Dasein führt? Dreht man das Packerl um, strahlt einen die graue, müde Wurst an und bittet um Gnade. Wenn die Herren und Damen Packungsdesigner nicht geschickt auf der Rückseite großflächig Preisausschreiben, Wasserbälle oder andere Volksbelustigungen anbieten.
Sei‘s drum, man hat Hunger, packt das Zeug in den Einkaufswagen und geht zum nächsten Regal. Gleiches Bild, gleiche Verpackungsmethode. Zu Hause versucht man dann frohgemut die Dinger aufzumachen. In einer Ecke steht „Bitte hier öffnen“. Womit das Drama seinen Höhepunkt erreicht und man spätestens nach fünf Minuten zur extra für diesen Zweck angeschafften Küchenschere (ebenfalls vom Hersteller in einbruchsicheres Plastik gekleidet) greift, um die ein Zeugs herauszuziehen, das mit der Abbildung auf der Vorderseite noch nicht einmal den Geruch gemeinsam hat. Endergebnis, für eine 4-6 köpfige Familie: ein plastikgefüllter Mülleimer, den der umwelt- und regenwaldbewusste Staatsbürger natürlich im „Plastikmüll“ entsorgt. Ist doch klar, Frischfleisch (und die dazu gehörige Wurst) finden die maßgeblichen Herrschaften nur noch als Begriff, der sich auf den Sekretärinnenpool bezieht. Im Laden verursacht das ja nur Kosten, und das Papier, das man zu einpacken braucht, müsste man ja selber stellen, das kommt nicht vom Wurstfabrikanten.
Ganz schlimm sind die so genannten „Blisterpackungen“, die alles umhüllen, was angeblich wertvoll ist. Elektrische Zahnbürsten, Kleingeräte, Elektronikartikel, Energiesparlampen (... wieder so ein Wort ...), liegen darin wie Schneewittchen im Sarg und die 7 Zwerge dürfen jetzt schauen, wie sie das Ding jetzt rauskriegen. Geben sie‘s auf, da hilft entweder nur grobe Gewalt in Form von Hammer und Meißel, oder ein sehr scharfes Messer, mit dem man versuchen kann, diese extrem scharfkantigen und dicken Plastikgefängnisse aufzubrechen. Listigerweise ist das Zeug noch eisspiegelglatt, sodass man des Öfteren mit besagter Chirurgiehilfe ausrutscht, und dreimal dürfen sie raten wo sie landet... Erschwerend kommt dazu, dass dieser Kunststoffpanzer so nah am Produkt anliegt, sodass man in schöner Regelmäßigkeit am nächsten Tag (typischerweise versucht man das Öffnen erst nach der ersten Flasche Bier und nach Geschäftsschluss) wieder ins Geschäft schlappt, um das Gleiche noch mal zu kaufen...
Man hat‘s nicht leicht, als moderner Mensch.
Bildunterschrift:
tomas nittner
tomas nittner ist bildender Künstler, Grafiker und Autor. Seine Ausbildung genoss er an der Accadèmia di Brera in Mailand und an der Hochschule für Gestaltung, Abteilung Visuelle Kommunikation, in Ulm. Er war Mitarbeiter bei Otl Aicher für die Gestaltung der Olympischen Spiele in München 1972. Er hat ein Drittel seines arbeitenden Lebens im Ausland verbracht: Italien, Schweiz, Frankreich, Mexiko, USA. Als Grafiker hat er für namhafte Firmen im Bereich Corporate Design gearbeitet. In der bildenden Kunst stellte er in Deutschland, Italien, Frankreich, Griechenland und den USA aus. Als Autor war er an verschiedenen Satirebänden beteiligt und verfasst laufend satirische Texte, aber auch Werbetexte sind ihm nicht ganz fremd.
tomas nittner ist böhmisch-österreichischer Herkunft, in der Zwischenzeit eingemeindet.
Bildunterschrift:tomas nittner
Kontaktinformationen:
tomas nittner
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