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München/Gauting, 25.01. 2010 16:28

Speakers Corner - Meinungen ohne Sinn und Verstand

Futterneid

Jeden Tag bekommen wir‘s aufs virtuelle Butterbrot geschmiert. Sozusagen mit eingebautem Beißzwang, denn die Reaktionen sind überall und bei allen die gleichen. Kaum schreibt einer über die begüterten Vorstädte unserer heimeligen Metropolen, fällt der Begriff „Speckgürtel“.

Liest man weiter, bekommt man unwillkürlich den Eindruck, dass sich dort nur und ausschließlich die Crème de la Crème der deutschen Wirtschaftskriminalität ein gesellig-verlottertes Stelldichein gibt und den ganzen Tag mit ungeschlachten Ungetümen (fast immer in schwarz oder silbergrau) von Geländewagen (unter Kennern Schportsiutilitiwihikl genannt) rumfährt, wobei es sich, selbstredend, meist um eine ziemlich zierlich geratene Blonde handelt, wodurch selbstverständlich die landläufige Meinung der Beziehung Haarfarbe-Intelligenzquotient auch gleich mit postuliert wird.

Fast schon zwangsläufig verfügt dieses lustige Völkchen auch über all die anderen hübschen Attribute des ausgehenden Industrie- und beginnenden Informationszeitalters, wie das „richtige“ Mobiltelefon, jede Menge riesengroßer Flachbildschirme, die angesagte trendig-teure Kleidung, kurz all das was der durchschnittliche Kleinbürger auch gerne hätte, sich aber nicht leisten kann und deswegen (neidisch) belächelt.

Die deutsche Sprache hat ja so ihre Eigenheiten, vor allem besitzt sie Wörter, die in keine andere Weltsprache übersetzt werden können. Beispiel „Schadenfreude“ oder vielleicht auch „Futterneid“. Möglicherweise sind diese Worte entstanden, weil sie markante Charaktereigenschaften unseres wackeren Volkes bezeichnen. Kaum zückt jemand sein Handy mit dem angebissenen Apfel, findet sich sofort ein anderer, der sich darüber lustig macht und aus dem Stegreif sämtliche wirklichen oder kolportierten Nachteile des Geräts aufzählen kann. Sieht man jemanden mit einem dieser behemothartigen Fahrzeugen rumkurven, die zugegebenermaßen auf unseren Straßen und in unseren Städten nur geringe Daseinsberechtigungen haben, muss man keine zwei Minuten warten, um die einschlägige und allgemeine Meinung darüber zu hören.

Aber wir bewundern die Italiener ob ihrer Eleganz, die Franzosen wegen ihrer Leichtigkeit das Leben anzugehen und die Amerikaner beneiden wir um ihren Pragmatismus (natürlich verbunden mit dem Seitenhieb, dass ihnen leider jede Art von „Kultur“ abgeht; aber am Abend dann CSI schauen, anstatt vielleicht mal was zu lesen - und wenn‘s nur das Feuilleton der Zeitung ist! Aus keinem der willkürlich ausgesuchten und genannten Nationen sind vergleichbare Interpretationen des persönlichen Lebensstils bekannt. Im Gegenteil: In Italien herrscht ausgesprochene Technikbegeisterung, in Frankreich beschäftigen sich nur Kleinstbürger und Hausmeister mit der Lebensführung ihrer Mitbürger und in Amerika herrscht offensichtliche und ziemlich neidlose Bewunderung über die Fähigkeit die Unpässlichkeit des Lebens erfolgreich zu umschiffen.

Nur bei uns werden gleich die großen Geschütze aufgefahren. Da wird von Umweltbelastung gefaselt, während man seinen Kleinwagen prinzipiell bis zum Maximum beschleunigt. Jegliches Objekt, das ein durchschnittliches Leben vielleicht ein bisserl angenehmer, hübscher oder praktischer macht, wird unter allen möglichen abstrusen Aspekten begutachtet und für schlecht empfunden. Bloß nicht zeigen, was man kann und hat! Der verantwortungsvolle Staatsbürger hat sich gefälligst in die graue Masse einzureihen, ohne aufzufallen. Das mag ja immer noch eine Folge unseres verehrten Herrn Luther und seines Protestantismus sein, aber wir sollten uns wirklich mal überlegen, ob es nicht an der Zeit sei etwas lockerer mit den Dingen umzugehen, da wir doch auch sonst nur zu Begräbnissen und Taufen in die Kirche gehen.

Bildunterschrift:
tomas nittner

tomas nittner ist bildender Künstler, Grafiker und Autor. Seine Ausbildung genoss er an der Accadèmia di Brera in Mailand und an der Hochschule für Gestaltung, Abteilung Visuelle Kommunikation, in Ulm. Er war Mitarbeiter bei Otl Aicher für die Gestaltung der Olympischen Spiele in München 1972. Er hat ein Drittel seines arbeitenden Lebens im Ausland verbracht: Italien, Schweiz, Frankreich, Mexiko, USA. Als Grafiker hat er für namhafte Firmen im Bereich Corporate Design gearbeitet. In der bildenden Kunst stellte er in Deutschland, Italien, Frankreich, Griechenland und den USA aus. Als Autor war er an verschiedenen Satirebänden beteiligt und verfasst laufend satirische Texte, aber auch Werbetexte sind ihm nicht ganz fremd.
tomas nittner ist böhmisch-österreichischer Herkunft, in der Zwischenzeit eingemeindet.


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