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München/Gauting, 15.02. 2010 05:28

Speakers Corner - Meinungen ohne Sinn und Verstand

Denk‘ ich an Fasching in der Nacht...

Weltweit wird den Deutschen ein gewisses - auch typisch deutsch genanntes - Organisationstalent nachgesagt. Straff durchgestaltete Veranstaltungen waren immer schon ein Markenzeichen, das voll Stolz das Attribut „Made in Germany“ trägt. Jede Nation hat halt ihre Eigenheit, Italien, Nord- und Südamerika und einigen anderen wird ein gewisser Hang zur organisierten Kriminalität nachgesagt, Deutschland hat dafür ein ähnlich tödliches und menschenverachtendes Pendant: Fasching, auch Karneval genannt.

Eigentlich dürfte man annehmen, dass in Zeiten, die sich die ganzjährige Maschkera aufs Panier geschrieben haben, vergleichsweise altmodische, geradezu atavistische Veranstaltungen, wie der Karneval, überholt sind. Ein Blick in die Gazetten und Fernsehprogrammzeitschriften überzeugt uns vom Gegenteil. Kaum ein Landstrich, der nicht seine eigene „unverwechselbare“ Variante dieses letztendlich immer gleichen Spektakels anbietet. Fressen, Saufen, Cha-Cha-Cha allerorten. Eigentümlich ist allerdings, dass jede Stadt, jede Gegend steif und fest behauptet, dass nur auf ihrem Hoheitsgebiet die wahre Lehre dargeboten wird. Wehe, jemand verwechselt den Karneval in Köln mit der gleichnamigen Darbietung in Düsseldorf oder Aachen oder den Fasching in München mit der alemannischen Variante. Mit geradezu fundamentalistischem Ernst werden dem ungewaschenen Ignoranten die essenziellen Unterschiede haarklein erklärt, immer mit dem etwas bedrohlichen Unterton, in Zukunft dem echten Glauben zu folgen. Dabei ist alles ganz einfach: Während bei den einen Saufen vor Fressen und Cha Cha Cha kommt, besteht die Nachbarstadt auf Cha Cha Cha Fressen Saufen, während ein paar Weiler weiter nur Fressen und Saufen erwähnt werden und Cha Cha Cha schamhaft verschwiegen bleibt.

In endgültiger Analyse darf man davon ausgehen, dass die verschiedenen Auslegungen des Phänomens genetisch bedingt sind. Ganz so, wie DNA-Forscher unser aller Herkunft auf eine Urmutter im tiefsten, schwarzen Afrika zurückführen, müssen wir annehmen, dass nur menschliche Wesen, die mindestens auf zehn Generationen von Kölnern zurückblicken können, die nötigen gentypischen Voraussetzungen mitbringen, den dort ansässigen Karneval in all seinen Konsequenzen zu goutieren. Für alle anderen bleibt der Zugang zu diesen „Vergnügungen“ versperrt. Bei der Entschlüsselung der Hieroglyphen war der Fund des „Rosetta“-Steins der rettende Hinweis, bezüglich des Karnevals bleiben die Forscher in der Zirkuskuppel ratlos.

So weit zur Innenansicht. Für einen Ausländer stellt sich die Sachlage noch ungleich unverständlicher dar. Es genügt, bei den im Fernsehen übertragenen Karnevalssitzungen den Ton wegzudrehen, um die für einen Ortsfremden möglicherweise entstehende, fremdartige Exotik des Dargebotenen zu erfassen. Der Vergleich mit dem Film „Einer flog über das Kuckucksnest“, allerdings mit Laiendarstellern, dürfte sich anbieten. Und komme mir niemand mit dem angeblichen „Carnevale di Venezia“, oder Karneval in Venedig! Mit jedem Jahr ziehen zur einschlägigen Tausende über den Brenner, bewaffnet mit allem was die Elektronikindustrie an Fotoapparaten und Filmkameras aufbieten, um dieser ach so authentische Veranstaltung, diesem „unvergesslichen Erlebnis“ (dazu gehöriger Zusatz aus jeder x-beliebigen Tourismusbroschüre) ihr Geld hinterher zu schmeißen. Alles Talmi! Vor etwa 25 Jahren kam ein findiger Tourismusdirektor der Region Venetien auf die Idee, die Maskenbälle und Kostüme der Barockzeit auszugraben und das ganze als traditionelles Faschingsfest zu verkaufen. Der Mann ist schon lange in seiner wohlverdienten Pensionierung, aber jedes Jahr drängen sich mehr und mehr erlebnishungrige „Fun“-Anhänger in den Gassen Venedigs und dem Markusplatz um zwei oder drei einsame, aber gravitätisch wandelnde Maskenträger zu fotografieren. Nicht wissend, dass diese Gestalten wahrscheinlich von der Stadtverwaltung für ihre Bemühungen entlohnt werden, denn schließlich bringt der Touri-Rummel wieder Geld in die klammen Stadtsäckel.

Somit bleibt eigentlich nur noch der Opernball in Wien. Da erübrigen sich die Kommentare, wenn man sich die diesjährige Gästeliste bezahlter Claqueure genauer ansieht. In diesem Sinne: „Alles Walzer!“





tomas nittner ist bildender Künstler, Grafiker und Autor. Seine Ausbildung genoss er an der Accadèmia di Brera in Mailand und an der Hochschule für Gestaltung, Abteilung Visuelle Kommunikation, in Ulm. Er war Mitarbeiter bei Otl Aicher für die Gestaltung der Olympischen Spiele in München 1972. Er hat ein Drittel seines arbeitenden Lebens im Ausland verbracht: Italien, Schweiz, Frankreich, Mexiko, USA. Als Grafiker hat er für namhafte Firmen im Bereich Corporate Design gearbeitet. In der bildenden Kunst stellte er in Deutschland, Italien, Frankreich, Griechenland und den USA aus. Als Autor war er an verschiedenen Satirebänden beteiligt und verfasst laufend satirische Texte, aber auch Werbetexte sind ihm nicht ganz fremd.
tomas nittner ist böhmisch-österreichischer Herkunft, in der Zwischenzeit eingemeindet.


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