


Boulevard
München/Gauting, 07.07. 2009 06:04
Speakers Corner - Meinungen ohne Sinn und Verstand
Unser Brot und Spiele gib uns - und zwar sofort
Speakers Corner - Meinungen ohne Sinn und Verstand
Unser Brot und Spiele gib uns - und zwar sofort
Volksfeste haben einen Nachteil: Sie sind ohne Volk nicht zu haben. Wie viele Amateurlichtbildner haben sich nicht schon versucht sich am eigentümelnden Charme von Volksfestaufbau, -abbau, Volksfestmorgenstimmung und Ganzfrühmorgenstimmung, also Fest ganz ohne Leute, auf Zelluloid und heutzutage auf Speicherkarten, zu delektieren. Vielleicht dachten sie auch ein klitzekleines Sekündchen, sich mit solchen Fotos in den Reigen der großen Fotografen einzureihen. Ich gebe ja gerne zu, dass diese Bilder einen gewissen morbiden Charme haben, denn wenn erst die Leut‘ kommen und die Szenerie bevölkern wird‘s fürchterlich.
Das Beste, was man über diese Belustigungen sagen kann, ist wenig. Fressen, Saufen, Cha Cha Cha und nebenbei der Anlass, Kirmes, Pferdeschau, Töpfertage - sehr beliebt, da meist mit mittelalterlichem Tand verbrämt, Ritterspiele, Weinfeste, Maibock- bis Oktoberfeste, ad infinitum. Das kulinarische Umfeld ist schnell beschrieben. Alkohol in jeder Form, fetttriefende Fleisch- und Wurstwaren, appetitlich verbrannt vom Grill und das alles in großen Mengen und Portionen. Das Ganze von all den Geräuschen unterlegt, die Tausende von mehr oder weniger besoffenen Menschen halt so von sich geben. Passend dazu natürlich die oft neckisch „Stilles Örtchen“ genannten Lokalitäten, die man zumeist blind, nur dem Geruch nach findet. Würde man Strafgefangene damit konfrontieren, würden sich die Medien mit Wonne darauf stürzen und Skandal skandieren. Aber hier dient es ja einem guten Zweck.
Natürlich werden auch jede Menge Attraktionen geboten. Fahrgeschäfte, Schaukelgeschäfte, Schießgeschäfte, überall Geschäfte, gestaltet und bemalt im Stil einer grauenvollen Naivität und laut, lauter am lautesten. Dafür, dass sie eigentlich nur dazu dienen Mageninhalt und Außenwelt wieder in Einklang zu bringen, sind sie auf jeden Fall teurer als der bekannte Finger im Hals. Nun könnte man natürlich argumentieren, dass seit den Zeiten der Römer mit ihrem „Pane et Circensum“ große Fortschritte in der Volksbelustigung gemacht wurden. Der einzige, offensichtliche Unterschied scheint aber zu sein, dass heutzutage Christenmenschen nicht mehr hingerichtet, sondern nur zu Alkoholleichen verbraten werden. Meistens wachen sie sogar am nächsten Morgen wieder auf, manchmal sogar mit der Gnade des Vergessens, vulgo Filmriss genannt.
Schön ist ja auch, wie unser Dichterfürsten hier zu Volksschriftstellern pervertieren. Wird doch im Zusammenhang mit solchen Festivitäten gerne „Hier bin ich Mensch, hier darfs ich‘s sein“ gegrölt. Es darf angenommen werden, dass Goethe die Zusammenhänge doch etwas anders sah. Aber was schert‘s die deutsche Eichel, wenn das Borstenvieh sich daran reibt, solange noch geschunkelt werden darf. Unsere offensichtliche genetische Nähe zu den süßen rosa Ferkelchen ist hier wieder einmal so gut bewiesen, dass man sich nur noch wundern kann, warum manche Leute Darwin immer noch für den Handlanger des Teufels halten.
Einen Vorteil haben sie ja, die Volksbelustigungen: Wer trinkt und lacht, kein Ärger macht. Das ist zwar nicht vom Pumuckl, aber es reimt sich trotzdem und wird so manchen Politiker und Herrscher freuen. Den größten Ärger, den die Leute trunken anrichten können, sind Händel unter ihresgleichen anzuzetteln. Dann fliegen halt ein paar Fäuste und Maßkrüge und die Polizeistatistik schafft‘s wieder in die Presse. Schlägt sich, verträgt sich, ein Schlingel, wer hier Pack denkt. Nur klaustrophobisch veranlagte Zeitgenossen sollten diesen Vergnügungen fern bleiben. Sie könnten echt in Schwierigkeiten kommen.
PS: Kein Wunder, dass da der Kindergeburtstag (hier link) nicht sehr weit erscheint...
tomas nittner ist bildender Künstler, Grafiker und Autor. Seine Ausbildung genoss er an der Accadèmia di Brera in Mailand und an der Hochschule für Gestaltung, Abteilung Visuelle Kommunikation, in Ulm. Er war Mitarbeiter bei Otl Aicher für die Gestaltung der Olympischen Spiele in München 1972. Er hat ein Drittel seines arbeitenden Lebens im Ausland verbracht: Italien, Schweiz, Frankreich, Mexiko, USA. Als Grafiker hat er für namhafte Firmen im Bereich Corporate Design gearbeitet. In der bildenden Kunst stellte er in Deutschland, Italien, Frankreich, Griechenland und den USA aus. Als Autor war er an verschiedenen Satirebänden beteiligt und verfasst laufend satirische Texte, aber auch Werbetexte sind ihm nicht ganz fremd.
tomas nittner ist böhmisch-österreichischer Herkunft, in der Zwischenzeit eingemeindet.
Bildunterschrift:tomas nittner
Kontaktinformationen:
tomas nittner
Wessobrunner Straße 4
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