


Boulevard
München/Gauting, 20.07. 2009 03:25
Speakers Corner - Meinungen ohne Sinn und Verstand
Im Glashaus lässt‘s sich leicht Steine klopfen
Speakers Corner - Meinungen ohne Sinn und Verstand
Im Glashaus lässt‘s sich leicht Steine klopfen
Vor Gericht würde man sagen: „Der Zeuge wird wegen Befangenheit abgelehnt“. Nun denn, ich bin zwar „nur“ Pfeifenraucher, aber in den Augen vieler Renegaten, sprich Leuten, die seit ein paar Monaten Nichtraucher sind, ist das gleichbedeutend mit Verbrechen an der Volksgesundheit. Und da ich Betroffener, also Schuldiger bin, finde ich die Gesetzesposse, die zur Zeit in Bayern läuft, besonders bezaubernd.
Natürlich kann man sagen, dass Wahlkampf ist, also alle normalen Regeln menschlichen Zusammenlebens und rationale Überlegungen abgeschafft sind, aber der Unsinn, der hierzulande mit dieser sogenannten Nichtraucher-Gesetzgebung veranstaltet wird, gehört auf das Bauerntheater eines Bierzeltes, in denen das Rauchen ja ab 1. August wieder gestattet ist.
So ein Staat hat‘s ja auch nicht leicht. Da nimmt er auf der einen Seite Milliarden von Euro an Tabaksteuer ein. Auf der anderen Seite sollte er sich auch noch tunlichst um die Gesundheit seiner Untergebenen kümmern. Den Bock zum Gärtner machen, nannte man so etwas in früheren Zeiten. Das Schönste daran ist ja das wunderhübsche Katz-und-Maus-Spiel, das sich über die letzten Jahre daraus ergeben hat. Kaum wird das „härteste“ aller Nichtrauchergesetze aller Zeiten in Bayern verkündet, schon finden die üblichen Suchtlinge Schlupflöcher en masse, siehe Raucherklubs und entsprechende Vereine, denn letztere sind ja ein heiliges Rindvieh in Deutschland. Zeitgleich bemühen sich alle Parteien aller Couleur um die Stimmen der verehrten Wähler, nur dumm, dass sich darunter auch jede Menge Raucher befinden. Also wird heftigst zurückgerudert, um es ja jedem Recht zu machen.
Aber die Diskussion über das Rauchen in Kneipen geht ja schon seit Jahren. Ich kann mich erinnern, dass in Frankreich bereits Anfang der neunziger Jahre ein Gesetz rauskam, das stipulierte, in jedem Lokal müsse eine Nichtraucherecke (möglichst rauchfrei) eingerichtet werden. Auf dem Boulevard St. Germain gibt es die berühmte „Brasserie Lipp“, wo sich tagtäglich die Schönen, Reichen und Berühmten von Paris treffen. Das Lokal hat zwei Etagen. Jeder will natürlich im Parterre sitzen, um ja von allen gesehen zu werden. Treffenderweise wird der erster Stock „Sibérie“, also Sibirien genannt. Und wo wurde die Nichtraucherecke eingerichtet? Genau, in Sibirien, in unmittelbarer Nähe der Herrentoilette. Man bemerke übrigens den Unterschied der Vorschriften: In Frankreich wird eine Nichtraucherecke verlangt, bei uns ist es genau umgekehrt, da haben sich die Raucher zur Verbesserung ihrer Gesundheit vor dem Lokal in der Kälte wiedergefunden.
Gelehrte Lehre haben viel über das apollinische und das dionysische Element im Verhalten der Menschen nachgedacht. Auf gut deutsch, das Recht auf Sex, Drugs and Rock n‘Roll. Kein Wunder, dass jedes Gesetz zur Regulierung dieser (wahrscheinlich) Grundbedürfnisse des Menschen immer Stückwerk bleiben müssen. Außerdem, wenn man sich die Kulturgeschichte so anschaut, verläuft alles in großen Pendelbewegungen. Erst wird gesoffen, dann kommen die Eiferer und führen die Prohibition ein. In den siebziger Jahren war die Gegend um den Times Square in New York mit die übelst beleumundete Gegend dieser schönen Stadt. Puffs, Pornokinos, Zuhälter und Drogenhändler an jeder Ecke. Heutzutage gehen am Sonntagnachmittag Papis mit ihrer Familie dort spazieren, essen ein Eis und gehen nachher ins Disneykino. Einfach mal zwanzig Jahre warten, hängt allerdings auch davon ab, ob der Lungenkrebs auch so lange Zeit hat, wenn man unseren Gesundheitsministerien Glauben schenken darf.
In den siebziger Jahren gab es auch einen berühmten Film von Woody Allen: „Alles, was Sie immer schon über Sex wissen wollten, aber sich nie getraut haben zu fragen“. Ein Episodenfilm, in dem in einer der kleinen Geschichten ein Mensch im Jahr 1970 wegen unheilbarer Krankheit tiefgefroren wird, in der Hoffnung ihn in fernen Zeiten wieder auftauen und heilen zu können. Im Jahr 2050 ist es dann endlich so weit. Unser Held erwacht staunend in einer ihm völlig fremden Welt. Der behandelnde Arzt wird von Woody Allen himself gespielt, der nur das fetteste Fleisch isst, dazu jede Menge Alkohol trinkt und eine Zigarette nach der anderen raucht. Auf die Frage unseres Mannes, ob das nicht schrecklich ungesund ist, antwortet Allen: „Ach wissen sie, sie kommen natürlich aus ziemlich dunklen, unwissenden Zeiten zu uns. Wir haben da jetzt völlig neue Erkenntnisse“.
Oder, wie der bekannte japanische Philosoph sagte: „Nichts ist unmöglich und alles kommt zurück“.
tomas nittner ist bildender Künstler, Grafiker und Autor. Seine Ausbildung genoss er an der Accadèmia di Brera in Mailand und an der Hochschule für Gestaltung, Abteilung Visuelle Kommunikation, in Ulm. Er war Mitarbeiter bei Otl Aicher für die Gestaltung der Olympischen Spiele in München 1972. Er hat ein Drittel seines arbeitenden Lebens im Ausland verbracht: Italien, Schweiz, Frankreich, Mexiko, USA. Als Grafiker hat er für namhafte Firmen im Bereich Corporate Design gearbeitet. In der bildenden Kunst stellte er in Deutschland, Italien, Frankreich, Griechenland und den USA aus. Als Autor war er an verschiedenen Satirebänden beteiligt und verfasst laufend satirische Texte, aber auch Werbetexte sind ihm nicht ganz fremd.
tomas nittner ist böhmisch-österreichischer Herkunft, in der Zwischenzeit eingemeindet.
Bildunterschrift:tomas nittner
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