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München/Gauting, 28.12. 2009 17:26

Speakers Corner - Meinungen ohne Sinn und Verstand

Oral, sakral, banal - Weihnachten in Deutschland

Jetzt sitzen sie wieder alle da und lecken ihre Wunden. Zu Hause und in den Buchhaltungen. Die Einen haben zu viel einkauft, die Anderen zu wenig verkauft; vor dem großen Zauberwort „Weihnachten“ zittern sie alle und alle wollen davon profitieren. Die Kirchen klagen über die Kommerzialisierung (klopfen aber anzüglich genug auf den Klingelbeutel all ihrer guten Werke), die Geschäftemacher betrachten die christliche Botschaft sowieso nur als größten Umsatzfaktor des Jahres und die Haus- und Ehefrauen hoffen inständig, dass ihre Bemühungen um den weihnachtlichen Waffenstillstand fruchten mögen. Der allgegenwärtige Scheinheiligenschein glänzt über allem. Business as usual.

Es ist natürlich müßig, sich mit den Auswirkungen und Auswüchsen dieser fragwürdigen Veranstaltung zu beschäftigen; es ist alles schon gesagt, beschrieben, verteufelt und verurteilt worden. Man versucht natürlich immer wieder, dem Thema eine neue Facette abzugewinnen, aber langsam läuft auch das auf Varianten raus, die entweder unmoralisch und verboten sind, oder dick machen. Je nach Stimmung versuchen die Kolumnisten feierlich zu werden, oder flapsig, oder einfühlsam, oder frech, oder ursprünglich, oder moralisierend (siehe oben), oder weltmännisch, globalisierend, oder umweltschützend, oder anarchisch. Alles bereits vorgekaut und wieder ausgespuckt.

Wahrscheinlich hat es damit zu tun, dass jeder doch noch irgendwo in seiner kleinen Seele ein frühkindliches Schemadenken gegenüber dem „größten Fest der Christenheit“ bewahrt hat, und nun mit aller Gewalt versucht dieses entweder zu verdecken, oder zu übertreiben. Es sieht so aus, als würde das Thema keinen gleichgültig lassen, was natürlich bei uns Lohnschreibern auch immer vom Auftraggeber und der Höhe des Honorars (sic) abhängt. Ganz selten, dass man jemanden findet, dem der komplette Rummel komplett an der Analregion vorübergeht. Wahre Größe beweist sich dann dadurch, dass bis zuletzt weder ein Zweiglein, noch ein Kerzlein, noch ein Kränzlein noch ein Bäumlein in der Wohnung rumsteht und die Viktualieneinkäufe vor diesen ominösen Feiertagen wie üblich aus Brot, Bier, Tiefkühlpizza und einem halben Pfund Leberkäs bestehen. Und vor allem, dass der Fernseher drei Tage lang ausgesteckt bleibt, nicht dass einen im letzten Moment doch noch die Rührseligkeit einholt.

Das Gleiche gilt natürlich auch eine Woche später, wenn alle Welt gebannt auf die Uhr schaut und hofft, dass sich durch den Jahreswechsel das Leben schlagartig ändert. Hohes Ansehen gebührt auch den Leuten, die unter lautem Schreien das Lokal verlassen, wenn wieder irgendein Clown vom urdeutschen Ritual des bis zum Würgen ausgelutschten Zeremoniell dieser einmal, aber nur einmal, nett zu sehenden Veranstaltung „Dinner for One“, spricht, und wie er sich bereits wieder darauf freut. Als ob sich da jemals etwas ändern würde. Es erinnert an den klein „Graf-Bobby-Witz“, wo dieser sich am Abend vorbereitet ins Kino geht und auf die Frage seines Dieners nach dem Film antwortet, er würde sich „Titanic“ ansehen. Auf den Einwand von Butler Johann, er hätte den Film doch bereits dreimal gesehen, antwortet er: „Ach wissen‘s ich will mal schauen, ob das fesche Schiff vielleicht diesmal nicht untergeht“. Den typisch nasalen Wiener Unterton muss man sich dazu denken.

Das Einzige, worauf wir uns verlassen können, ist dass spätestens Mitte Januar bereits die ersten Schokoladen-Osterhasen ihr Unwesen in den Regalen ihres bevorzugten Kreislers treiben werden. Hat aber auch was Tröstliches: Man weiß wenigstens, dass es erst Anfang des Jahres ist und die Steuererklärung noch lange hin ist.



tomas nittner ist bildender Künstler, Grafiker und Autor. Seine Ausbildung genoss er an der Accadèmia di Brera in Mailand und an der Hochschule für Gestaltung, Abteilung Visuelle Kommunikation, in Ulm. Er war Mitarbeiter bei Otl Aicher für die Gestaltung der Olympischen Spiele in München 1972. Er hat ein Drittel seines arbeitenden Lebens im Ausland verbracht: Italien, Schweiz, Frankreich, Mexiko, USA. Als Grafiker hat er für namhafte Firmen im Bereich Corporate Design gearbeitet. In der bildenden Kunst stellte er in Deutschland, Italien, Frankreich, Griechenland und den USA aus. Als Autor war er an verschiedenen Satirebänden beteiligt und verfasst laufend satirische Texte, aber auch Werbetexte sind ihm nicht ganz fremd.
tomas nittner ist böhmisch-österreichischer Herkunft, in der Zwischenzeit eingemeindet.



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