


Boulevard
München/Gauting, 29.03. 2010 00:23
Speakers Corner - Meinungen ohne Sinn und Verstand
Geschmacksverstärker - de gustibus non est disputandum
Speakers Corner - Meinungen ohne Sinn und Verstand
Geschmacksverstärker - de gustibus non est disputandum
Es gibt Worte und Redewendungen, die sich ähnlich seuchenartig verbreiten wie die Gerüchte über beispielsweise die Schweinegrippe oder BSE. Sobald allerdings die Pharmaindustrie genug daran verdient hat und/oder die Medien die Sau lang genug durchs Dorf getrieben haben ist es dann vorbei. Leider kann man das nicht von den allgegenwärtigen Geschmacksaussagen behaupten. Wenn ein Satz mit „Nach meinem Geschmack...“ losgeht, sollte sofort der allzu menschliche Fluchtinstinkt greifen, um sich vor den nun folgenden Plattitüden zu schützen.
Selbst auf die Gefahr hin sexistisch zu erscheinen, muss man unglücklicherweise sagen, dass diese ganze Geschmacksorgie ein weitgehend weibliches Phänomen ist. Vielleicht erleben wir es noch, dass ein Mann im Zuge der zunehmenden Metrosexualität ebenfalls Äußerungen über seine angebliche Geschmackssicherheit von sich gibt; der letzte war Oscar Wilde, der meinte: „Mein Geschmack ist ganz einfach, das Beste ist gerade gut genug“. Aber ihn mit so aufgeblasenen Begriffen wie „Metrosexualität“ zu behelligen, grenzt schon fast an Blasphemie. Außerdem ist Selbstironie den meisten Frauen ziemlich fremd...
So bald der weibliche Teil einer langfristigen oder temporären eheähnlichen Gemeinschaft beispielsweise ein Einrichtungsgeschäft betritt, mutiert sie zum absoluten Arbiter elegantarium. Aus einschlägigen Gazetten weiß sie alles über die Wohnungen der Schönen und Reichen und wird nicht ruhen, bis ihre kleine Bleibe diesen ähnelt, selbst wenn das bescheidene Budget nur für eines dieser Rumpelkammermöbelparadiese am Stadtrand reicht, deren billigst produzierten Einrichtungsgegenständen anschließend vom männlichen Teil der Beziehung zusammengeschustert werden müssen. Es fällt dann gar nicht mehr auf, dass diese Teile ziemlich windschief in der Gegend rumstehen und den nächsten Umzug kaum überstehen werden. Hauptsache der unbestechliche Geschmack der gnädigen Frau ist befriedigt, wobei sie gar nicht merkt, dass dieser überhaupt nicht ihr ureigener, sondern ein weitgehend ungefiltertes Amalgam augenblicklicher Moden ist.
Hübsch sind diese bezaubernden Geschöpfe auch im Atelier eines Malers, oder in einer Galerie zu beobachten, wo sie zu Höchstform auflaufen können. Macht ja schon bleibenden Eindruck, wenn sie mit konzentrierter Miene von Bild zu Bild gehen, die Augen manchmal leicht zusammen gekniffen (der Blick der Connaisseuse!), um dann zu sagen: „Ach, wissen sie, MEINE Farben sind eigentlich blau und grün“. Es gibt da eigentlich nur zwei Varianten: Die Damen mit dem Blaugrün-Tick und die anderen, die für „warme“ Farben - alles in braun, beige, oder rot-orange - schwärmen und daraus ein Kaufargument zimmern. Fast unausbleiblich werden einem dann sämtliche Details der Wohnung geschildert, nur um letztendlich zu beweisen, dass die ausgestellte Ware unmöglich da reinpassen kann. Dann rauscht dieses entzückende Wesen wieder aus dem Laden, mit der befriedigenden Gewissheit aller Welt aufs Neue bewiesen zu haben, welch erlesener Geschmack in ihr steckt. Natürlich entgeht ihr dabei völlig, dass sie gerade Kunst auf das Niveau eines „geschmackvollen“ Aschenbechers reduziert hat. Aber das sind ja nur unwichtige kleine Nebensächlichkeiten im Umfeld des Gesamtkunstwerkes, das sie und ihre Baukastenbleibe bilden.
Wäre das ganze Gehabe noch durch einen Hauch Selbstzweifel gemildert, könnte man mit leisem Lächeln darüber hinweggehen, aber meistens kommt es so apodiktisch daher („Meine Wohnung ist reines Art Déco“...), dass jegliches Gegenargument müßig ist. Manchmal hilft es auf die nächste Modesau zu warten, die von den pertinenten Zeitschriften durchs globale Dorf getrieben wird, um Gnade zu finden. Die kostspieligere Variante, ist ihr das Bild zu schenken. Plötzlich passt es ganz vorzüglich.
Bildunterschrift:
tomas nittner
tomas nittner ist bildender Künstler, Grafiker und Autor. Seine Ausbildung genoss er an der Accadèmia di Brera in Mailand und an der Hochschule für Gestaltung, Abteilung Visuelle Kommunikation, in Ulm. Er war Mitarbeiter bei Otl Aicher für die Gestaltung der Olympischen Spiele in München 1972. Er hat ein Drittel seines arbeitenden Lebens im Ausland verbracht: Italien, Schweiz, Frankreich, Mexiko, USA. Als Grafiker hat er für namhafte Firmen im Bereich Corporate Design gearbeitet. In der bildenden Kunst stellte er in Deutschland, Italien, Frankreich, Griechenland und den USA aus. Als Autor war er an verschiedenen Satirebänden beteiligt und verfasst laufend satirische Texte, aber auch Werbetexte sind ihm nicht ganz fremd.
tomas nittner ist böhmisch-österreichischer Herkunft, in der Zwischenzeit eingemeindet.
Bildunterschrift:tomas nittner
Kontaktinformationen:
tomas nittner
Wessobrunner Straße 4
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