Maria, die Mutter Jesu, stellt Christoph Kähler, Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen, in den Mittelpunkt seines Weihnachtswortes:
„Das Elisabethjahr hat den Blick geschärft für Menschen, die ganz unscheinbar und ohne viel Aufhebens zu machen, sich ganz selbstverständlich anderen zuwenden. Betrachten wir die Weihnachtsgeschichte aus diesem Blickwinkel, fällt Maria auf. Schwangerschaft und Geburt vollziehen sich unter denkbar ungünstigen Umständen. Sie nimmt dennoch die Verantwortung an, die ihr mit dem Jesuskind in die Krippe eines Stalles gelegt ist. Sie liebt ihr Kind und ist mit ihm glücklich. Sie empfindet das Kind als großes Geschenk, als Segen Gottes.
Kinder zu lieben, ihnen Geborgenheit und Herzenswärme zu schenken, scheint uns etwas Selbstverständliches. Um so mehr erschrecken uns Nachrichten von Müttern (und Vätern), die sich ihrer Kinder entledigen, die sie töten, die Liebe in Frage stellen – und damit ihr eigenes Leben. Offenbar hat in unserer Gesellschaft, die nach Perfektion strebt, die Ratlosigkeit kaum Platz. Es gibt nicht nur einen Wettbewerb um die Märkte und Marktanteile. Längst gibt es den Wettlauf um das bestangezogene, das erfolgreichste Kind, die aufopferndste Mutter. Wohin mit der Ohnmacht, wenn Menschen diesem Perfektions-Drill nicht gewachsen sind?
Gerade Maria, die so oft als Königin dargestellt wird, lehrt uns, dass es perfektes Leben nicht geben kann. Der Stall von Bethlehem ist das Gegenteil eines Palastes. Maria war eine wirkliche Menschenmutter, die oft nichts hatte als ihre Zuneigung. Sie hat mit dem aufwachsenden Jesus und später mit dem im ganzen Land bekannten Prediger viele Spannungen durchlebt. Erfahrungen, die kaum vermeidbar sind. Kinder bedeuten auch Arbeit, nervliche Belastung, manchmal Überforderung. Vermeidbar aber ist die Ohnmacht, in der Mütter und Väter mit ihren Kindern allein zurückbleiben.
Der Staat kann Hilfssysteme anbieten, er kann aber nicht die Hilfe von Mensch zu Mensch verordnen. Wir brauchen Begegnungsmöglichkeiten, wo Menschen offen über ihre Not sprechen können. Menschen sollten ihre Probleme aussprechen können ohne zu Problem-Fällen zu werden. Treffpunkte für Eltern entstehen nicht von selbst. Initiativen sind gefragt, Schulen, Kindergärten, Rathäuser und Kirchen. Aber auch wir selbst: Jeder Mensch ist eine Begegnungsmöglichkeit. Wir sollten uns verabschieden davon, dass Leben perfekt sein könnte. Dann werden Menschen, die arm dran sind, die mit ihrer Kraft und ihrem Latein am Ende sind, eher offen Rat suchen – hoffentlich auch bei uns. Ich wünsche allen Thüringerinnen und Thüringern ein gesegnetes Weihnachtsfest.“
Gott macht Mut, die Armut nicht zu verschweigen
Landesbischof Fischer predigt am 25. Dezember um 10 Uhr in der Stadtkirche Karlsruhe: Bei der Menschwerdung Gottes kann man nicht distanziert bleiben
Die Bedeutung der Weihnachtsbotschaft für jeden Einzelnen hat der badischen Landesbischof in seiner Predigt am ersten Weihnachtsfeiertag in der Karlsruher Stadtkirche betont. Die Geschichte der Geburt Jesu sei eine Liebensgeschichte Gottes mit den Menschen, sagte Ulrich Fischer.
„Wenn Gott hinabsteigt in diese Welt, dann kommt er nicht nur als Herr aller Herren, sondern will uns nahe kommen wie ein Liebhaber seiner Geliebten“, sagte der badische Landesbischof. Gott wolle sich in unsere Herzen einbetten, wie es im Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach heißt, dessen teilweise Aufführung im Gottesdienst Fischer in seiner Predigt interpretierte.
Der biblische Bericht des Geschehens vor 2000 Jahren in Bethlehem schlage einen Bogen zur heutigen Wirklichkeit. Wie damals Jesus keinen Raum in einer Herberge hatte, finde auch heute Gott oft keinen Raum in der Welt. „Dies ist zugleich ein Trost für alle, die auf dieser Welt heimatlos sind: Gott teilt unsere Heimatlosigkeiten in all ihren Formen“, so Fischer. Gott habe durch sein Kommen auf diese Welt alle Armut, alle Tiefen des menschlichen Lebens mit uns geteilt. Das motiviere die Christenmenschen zugleich: „In seiner Menschwerdung macht Gott uns Mut, seinen Weg in der Nachfolge Jesu weiterzugehen: den Heimatlosen Beheimatung geben, die Armen teilhaben zu lassen am Miteinander in Gesellschaft und Kirche, zu teilen, was wir können, weil wir mit jeder Gabe auch Gottes Liebe weitergeben.“ Gott mache auch Mut, Armut nicht zu verschweigen. „Niemand muss sich schämen, weil er oder sie kein Geld hat, um Weihnachtsgeschenke zu kaufen“, betonte Fischer. „Gottes Liebe können wir einander umsonst weitergeben.“
In Gottes Liebe seien die Menschen reich beschenkt. Das paradoxe Geheimnis der Weihnacht sei es, dass die Armut Gottes im Stall letztlich der größte Reichtum für alle bedeute. Fischer: „Der königliche Thron, der Gott angemessen ist, ist der Schrein des menschlichen Herzens – mit seinem Kummer und seiner Hoffnung, mit seiner Fähigkeit zu Freude und Liebe. Hier findet die Menschwerdung Gottes ihre Vollendung: in unserem Herzen, in dem Gott Wohnung nimmt – uns zum Trost, uns zur Freude.“