


Boulevard
München/Gauting, 09.06. 2008 07:15
Speakers Corner - Meinungen ohne Sinn und Verstand
Süßer die Wohnwagen nie rollen – als jetzt zur Sommerzeit
Klimakatastrophe? So'n Quatsch! Unsere Klimaanlage im Wohnmobil läuft doch 1A, auf vollen Touren, möcht' mal wissen, was die Leute alle haben! Jetzt wird wieder der Teufel mit dem Beelzebub auf den Autobahnen ausgetrieben: rechte Spur die Laster, linke Spur die fahrbaren Ferienhäuser. Schon mal, was von Richtgeschwindigkeit 130 km/h gehört? Hah, wir halten uns daran, wir tun was für die Umwelt! Und schon sind alle wieder im Stau vereint. Ich rede hier nicht von den Holländern allein. Deutschland hat mächtig aufgerüstet im Bereich Urlaubspanzer. Da brauchen wir uns vor keiner Nation der Welt verstecken. Wir sind wieder wer!Speakers Corner - Meinungen ohne Sinn und Verstand
Süßer die Wohnwagen nie rollen – als jetzt zur Sommerzeit
Wenn die Dinger nur nicht so abgrundgrottentief hässlich wären. Alle kommen sie in Beigetönen daher, wie die dazu passenden Socken unter den Gesundheitssandalen ihrer Besitzer. Oben drauf Surfbretter (neben der obligaten Satellitenschüssel), hinten mindestens drei Fahrräder (man will ja umweltbewusst vom Campingplatz in den Ort kommen) und alle mit hübsch karierten, adrett zurückgezogenen Vorhängen. Und da rollen sie, gen Norden, Westen, Osten (weniger) und Süden. Auf dass überall im mehr oder weniger befreundeten Ausland das Credo wohl ausgeprägten guten Geschmacks deutscher Nation verkündet sei.
Ich meine, wir Deutschen sind schon keine besonders schönen Menschenkinder, die angeborene Eleganz der romanischen Völker oder die Individualität der Briten, um nur zwei Beispiele zu nennen, sind uns nicht gerade in die Wiege gelegt worden. Aber was die Bewohner dieser fahrbaren Einfamilienhäuser an modefeindlichen Exzessen liefern, bringt sogar den dümmsten Blindenhund vor Schreck zum Knurren. Da werden locker fallende, schlabberige Kurzhosen zu bleichen Männerbeinen getragen, klassische, verwaschene Feinripp-Unterhemden spannen sich über pralle Bäuche, kecke, kleine Segeltuchhütchen bedecken die letzten Haarreste und über allem schwirrt eine laute durchdringende Klangwolke sämtlicher deutschen Dialekte. Ich erspare ihnen die Beschreibung der dazu passenden Weiblichkeit. Ich sage nur, dass das ubiquitäre deutsche Hauskleid, meistens groß geblümt, auch gerne am Campingplatz getragen wird.
Die Abenteuerlust kennt natürlich keine Grenzen. Ab und an wagt man sich schon in eine landestypische Gastlichkeit um die Spezialitäten der Fremde zu goutieren. Also in Italien Nudeln oder in Spanien Paella (klar, oder?), aber man geht natürlich auf „Empfehlung“ des Campingnachbars, wodurch man sich unweigerlich in Gesellschaft all der anderen Deutschen in derselben Wirtschaft wiederfindet. Sehr schnell bilden sich dort zwei Fraktionen: diejenigen die tunlichst darauf bedacht sind, nicht als Deutsche erkannt zu werden und sich durch die penible Nachahmung der Einheimischen erst richtig lächerlich machen. Die anderen fangen nach dem ersten Liter Wein gleich an die „Wacht am Rhein“ zu singen und glauben damit Bedeutendes zur Völkerverständigung beizutragen. Überhaupt stehen die Trinkgewohnheiten der Deutschen im krassen Gegensatz zu denen der Gastgeber. Es dürfte äußerst selten sein, dass Italiener oder Spanier ähnliche Mengen Alkoholika zum Essen verputzen, wie meine Landsleute. Meistens lassen sie es bei einem Viertel Wein bewenden. Was ja auch kein Wunder ist, haben sie doch eindringliche Beispiele der verheerenden Wirkungen des Alkohol am Nebentisch voller grölender Rheinländer oder Niedersachsen.
Am nächsten Morgen gibt’s dann natürlich Jacobs Krönung und Vollkornbrot (eingeschweißt) zum Frühstück, oder gleich Weißwürste aus der Dose nebst Weißbier. Schließlich fährt ja die Heimat überall mit hin und die Satellitenantenne wird auch gleich auf RTL etc. ausgerichtet, man will ja die besten aller Welten. Die putzige kleine Welt des Auslands vor dem Campingplatz und die große deutsche Welt in den eigenen vier Wänden. Hier bin ich Deutscher, hier darf ich's sein! Am Kiosk gibt’s ja auch die Bildzeitung und die versammelte Regenbogenpresse, fast schon wie zu Hause. Ja, ja, so ein Urlaub im Ausland bildet ungeheuer...
Vier Wochen und jeder Menge Räusche später, trifft man sich dann wieder geschlossen im Stau am Felberntunnel und jammert wie die „Ösis“ es wieder mal nicht schaffen das bisschen Verkehr in den Griff zu kriegen. Aber Hand auf Herz: So ein Wohnwagenurlaub ohne mindestens drei ausgewachsenen Staus ist ja nur die halbe Miete, man hätte ja sonst am Stammtisch nichts zu erzählen. Außer den üblichen, bei allen gleich ausschauenden Fotos, die mit großer Begeisterung herumgereicht werden. Die Motive sind seit der wohlfeilen Verbreitung billiger Fotoapparate immer dieselben, aber sie werden dadurch nicht besser!
PS: Ein Urlaubserlebnis der besonderen Art können sie hier http://www.cad-plots.de/angeln_wasserflugzeug.wmv völlig gefahrlos mit erleben.
tomas nittner ist bildender Künstler, Grafiker und Autor. Seine Ausbildung genoss er an der Accadèmia di Brera in Mailand und an der Hochschule für Gestaltung, Abteilung Visuelle Kommunikation, in Ulm. Er war Mitarbeiter bei Otl Aicher für die Gestaltung der Olympischen Spiele in München 1972. Er hat ein Drittel seines arbeitenden Lebens im Ausland verbracht: Italien, Schweiz, Frankreich, Mexiko, USA. Als Grafiker hat er für namhafte Firmen im Bereich Corporate Design gearbeitet. In der bildenden Kunst stellte er in Deutschland, Italien, Frankreich, Griechenland und den USA aus. Als Autor war er an verschiedenen Satirenbänden beteiligt und verfasst laufend satirische Texte, aber auch Werbetexte sind ihm nicht ganz fremd.
tomas nittner ist böhmisch-österreichischer Herkunft, in der Zwischenzeit eingemeindet.
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tomas nittner
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http://www.nittner-arts-painting.de
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