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München/Gauting, 12.05. 2008 19:47

Speakers Corner Meinungen ohne Sinn und Verstand

Sex mal sex = Sex ab dreißig

Das war's dann wohl mit der Aufklärung. Kaum sind 200 Jahre seit Kant vergangen, schon befinden wir uns wieder grottentief im Aberglauben. War da nicht so ein Spruch? „Wage es deinen Geist zu nutzen“? Pah, alles Schnee von gestern, les neiges d'antan, wie sich der einsame Humanist ebenso gewählt wie völlig nutzlos zum Thema äußert. Neil Postman hatte es schon vor 25 Jahre prognostiziert: Nach der Kultur des Wortes und der Bücher bewegen wir uns in affenartigem Tempo auf eine Kultur des Bildes zu.

Willkommen zurück im Mittelalter. Bekanntermaßen (?) machte in finsteren Urzeiten die Kirche – damals die intellektuelle Elite – die Leute mit den Bildern in den Kirchen mit den Auswirkungen eines zügellosen Lebens auf Himmel und Hölle bekannt. Schließlich konnte der Großteil der Menschheit weder lesen noch schreiben. Leider schaut's heute, nach Humboldt und Schulpflicht, G8 und Gesamtschule bald nicht mehr sehr viel besser aus. Angeblich haben wir jetzt schon nachgewiesenermaßen circa 5% echte Analphabeten mit einer Dunkelziffer, die schamhafterweise (wie der Begriff schon sagt) im Dunkeln bleibt. Wenn schon die Ehefrau eines recht bekannten Sportsmannes, zum Thema ihres Lieblingsbuch meint, dass sie „lesemäßig nicht so ganz turobheftig unterwegs sei“ darf man sich nicht wundern, wenn des Lesens und Schreibens Kundige schön langsam anfangen, die geistigen Koffer zu packen.

Die Leute knallen sich das Hirn, oder das, was davon übriggeblieben ist, mit Esoterik voll, die ganz Schlauen faseln was von „intelligent design“, jede Menge obskurer Heilslehren erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Hauptsache man ist anders als die Anderen, aber bitte nur Praktiken, die weder körperlich noch in intellektuell übermäßig hohe Ansprüche stellen. Schließlich will man weder Geld noch Kraft in Überzeugungen investieren, die man ein paar Monate später ja doch wieder ändert. Das passende Bild zum dürren Text? Wie wär's mit dem Oberbefehlshaber der Streitkräfte der einzig verbleibenden Weltmacht in seinem neckischen Kampfspielanzug auf diesem riesigen Flugzeugträger vor dem fetten Banner „Mission accomplished“? Im Zusammenhang der geistigen Verarmung der Welt, wie wir sie kennen, ist das doch mal 'ne richtig ehrliche Aussage.

Eine großartige deutsche Wochenzeitung bietet seit geraumer Zeit ausgewählte Texte als Hörstück im Internet an. Sozusagen für den kleinen intellektuellen Hunger zwischen drin. Während man Auto fährt, telefoniert, die Windeln wechselt oder am Klo sitzt. Wer wird schon lesen, wenn er die Möglichkeit geboten bekommt, schriftliche(!) Beiträge von wohlmodulierten Stimmen frei Ohr zu erhalten. Wenn schon die Handschuhfächer der Autos voll sind mit Hörbüchern der Weltliteratur, ist es nur konsequent, wenn das letzte bisschen Lesen (zum Beispiel von Zeitungen) auch noch entsorgt wird.

Das Hübsche daran ist, dass wir auf der einen Seite ein erschlagendes Angebot an Information haben, auf der anderen Seite aber gerade dadurch immer weniger Information aufnehmen und verarbeiten. Die galoppierende Verblödung ist nicht mehr aufzuhalten. Oder glauben sie wirklich, dass die tagtäglichen Versprechungen eines erfüllten Sexlebens durch Penisverlängerungen oder Potenzpillen in ihrer E-Mail tatsächlich eintreffen? Natüüüüürlich nicht, antwortet jeder, aber anscheinend machen die Anbieter dieser Präparate doch ihren Reibach, sonst wären sie schon lange auf andere Produkte umgestiegen, mit denen sie uns nerven können.

Der Aberglaube ist das Gegenteil von Aufklärung. Perfiderweise hat er noch dazu den Vorteil ziemlich schmerzfrei und ohne große Anstrengung ins Gehirn zu träufeln. Bevor man's sich versieht, hat man ein paar Meinungen parat, die man früher noch nicht mal mit der Kohlenzange erschlagen hätte. Man muss es nur lange und oft genug hören. Wenn man dann nicht höllisch aufpasst, kann man sich schnell daran vergiften. Das einzige Gegenmittel ist leider heutzutage schwer erhältlich, vor allem nicht „auf Rezept“. Es heißt Wissen und Denken und wird in führenden Bibliotheken und im gut sortierten Buchhandel angeboten. Aber Eile ist angesagt, kann sein, dass die Produktlinien von cleveren Marketingspezialisten demnächst „outgephased“ und durch muntere Sprüche oder noch neuerem, noch besserem Hokuspokus ersetzt werden.

Wodurch die ganze Tütensuppe zwar sehr leicht verdaulich wird, aber nicht besser!

PS.: Wie es in einer sogenannten Bibliothek zugeht, können sie hier http://www.cad-plots.de/beautywithoutbrains.wmv sehen.



tomas nittner ist bildender Künstler, Grafiker und Autor. Seine Ausbildung genoss er an der Accadèmia di Brera in Mailand und an der Hochschule für Gestaltung, Abteilung Visuelle Kommunikation, in Ulm. Er war Mitarbeiter bei Otl Aicher für die Gestaltung der Olympischen Spiele in München 1972. Er hat ein Drittel seines arbeitenden Lebens im Ausland verbracht: Italien, Schweiz, Frankreich, Mexiko, USA. Als Grafiker hat er für namhafte Firmen im Bereich Corporate Design gearbeitet. In der bildenden Kunst stellte er in Deutschland, Italien, Frankreich, Griechenland und den USA aus. Als Autor war er an verschiedenen Satirenbänden beteiligt und verfasst laufend satirische Texte, aber auch Werbetexte sind ihm nicht ganz fremd.
tomas nittner ist böhmisch-österreichischer Herkunft, in der Zwischenzeit eingemeindet.



Bildunterschrift:
tomas nittner

Kontaktinformationen:
tomas nittner
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82131 Gauting

+49-(0)89-791 68 86
+49(0)171-796 74 27

http://www.nittner-arts-painting.de


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