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München/Gauting, 28.09. 2008 10:08

Speakers Corner - Meinungen ohne Sinn und Verstand

Dialektgestammel und andere Unarten von Gastronomen und Imbissstubenbesitzern

Eigentlich kann es mir wurscht sein, wie unsere Zeitgenossen unsere Sprache zum Deppen machen. Die Sprache Goethes und Schillers, wie betuliche Germanisten und andere Deutschlehrer mit (noch) Halbtagsstelle sich gerne hervortun. Aber da nun mal wieder der größte anzunehmende Ernstfall über München hereingebrochen ist, das sagenumwobene Oktoberfest, bietet sich die Gelegenheit günstig an, sich über die Dialekt- und Sprachverhunzer im Bereich der Garküchen und andere Speiselokale das Maul zu zerfetzen.

Das Phänomen existiert meines Wissens allerdings nur in Bayern. Anscheinend bietet kein anderer deutscher Dialekt derartige Möglichkeiten der dummdreisten Verniedlichung; vielleicht noch das Schwäbische, aber da kenne ich mich nicht so gut aus. Da ziehen die Bayern und andere deutsche Volksstämme mit größtem Vergnügen über die Österreicher her, gerne als „Ösis“ bezeichnet; auch wird ihnen im Süden der Republik gerne die Rolle der Ostfriesen zugeteilt. Aber wenigstens findet man ihnen auf Speisekarten, außer an der Grenze zu Bayern, selten eine derartige Serie völlig unnützer Apostrophe und Verkleinerungen wie in der nordwestlichen Nachbarprovinz.

Dort findet ein Schlachtfest von „Pfand ‘l“, von „Pflanz'l“, von „Knöd'l“ und „Haferl“ statt. Dazu kommen dann noch launige, lautmalerische Rechtschreibungen jeder Art. „Gmias“, „Erscht amoi a hoaße Supp'n“, „Wos Siaß'“ und so weiter, der fragwürdigen Fantasie des Gastwirts sind scheinbar keine Grenzen gesetzt. Wenn das der gute alte Johannes Schmeller noch erlebt hätte, er wäre möglicherweise schnellstens nach Nordrhein-Westfalen ausgewandert. Was die Herren und Damen der schriftstellerischen Gastronomiekunst dabei völlig übersehen, ist erstens die Vergewaltigung, die sie ihrer eigenen Sprachen antun und zweitens die arrogante Unverschämtheit dem auswärtigen Gast gegenüber, der erst nach mehrmalige4n Nachfragen versteht, was ihm denn da an kulinarischen Möglichkeiten angeboten wird.

Man möchte nun meinen, dass dieser affige Brauch nur in der mittelmäßigen Gastronomie gepflegt wird. Leider wurde mir berichtet, dass dem nicht so ist; auch ausgesprochene teure Etablissements der gehobenen Gastfreundschaft sind inzwischen von gleichen Virus befallen. Sollte man den Fehler begehen, sich über diese Unart etwa maliziös zu äußern, kann man sich im besten Fall einen ungläubigen Blick des Unverständnisses einfangen. Devise: „Des is doch lustig, oder?“ Es kann einem aber auch ohne weiteres passieren, sofort in die Kategorie der in Bayern noch immer weitläufig ungeliebten Norddeutschen eingereiht zu werden, die bekanntermaßen nur kommen, ihr Geld da lassen und ansonsten so schnell wie möglich wieder abhauen sollen. Aber die meisten Bayern wollen ja auch nicht wissen, dass ihr weiland geliebter König Ludwig II ihr schönes Bayernland 1870 für 5 Millionen Goldmark zwecks Gründung des Deutschen Reichs an Bismarck verraten hat...

Es herrscht eine merkwürdige Schizophrenie im schönen Bayernland. Einerseits lieben seine Eingeborenen (angeblich) seine Landschaften und Städte über alles und erheben ihre Sprache zum Prüfstein echten Bayerntums. Zu erwähnen sei hier die bayerische Shiboleth-Frage, der berühmte „Eichkatzlschweif“, die immer wieder größte Lacherfolge produziert. Auf der anderen Seite verhunzen sie mit geradezu masochistischer Freude ihre eigene Sprache und Brauchtümer. Nur mal so, als Denkanstoß, hat schon mal jemand in Bochum irgendwelche Gestalten in lokaler Tracht (Bochumer Tracht???) durch die dortige Innenstadt taumeln sehen? Und dann wundern sie sich, wenn Auswärtige den ganzen Zauber nicht mehr ernst nehmen und anfangen ebenfalls in Maschkera rumzulaufen. Sollten sie sich dann auch noch am lokalen Idiom versuchen, wird dies allerdings sogleich als mittlere Majestätsbeleidigung aufgefasst und geahndet. Andererseits wird den Fremden genau dieses Puppenstubenbayerisch überall und bei jeder Gelegenheit um die Ohren gehauen.

Kann ja sein, dass der griffige, aber deswegen um nichts weniger idiotische, Spruch von Laptop und Lederhose tiefgreifende und irreparable Schäden an Leib und Seele in Oberbayern hinterlassen hat. Denn hauptsächlich in München und im Münchner Umland grassiert das Virus der Sprach- und Kulturverballhornung, aber das macht es auch nicht besser...

PS:Wie weit man die Bayerntümelei treiben kann, ist hier http://www.cad-plots.de/Bayrisch.mpeg gut zu beobachten.



tomas nittner ist bildender Künstler, Grafiker und Autor. Seine Ausbildung genoss er an der Accadèmia di Brera in Mailand und an der Hochschule für Gestaltung, Abteilung Visuelle Kommunikation, in Ulm. Er war Mitarbeiter bei Otl Aicher für die Gestaltung der Olympischen Spiele in München 1972. Er hat ein Drittel seines arbeitenden Lebens im Ausland verbracht: Italien, Schweiz, Frankreich, Mexiko, USA. Als Grafiker hat er für namhafte Firmen im Bereich Corporate Design gearbeitet. In der bildenden Kunst stellte er in Deutschland, Italien, Frankreich, Griechenland und den USA aus. Als Autor war er an verschiedenen Satirenbänden beteiligt und verfasst laufend satirische Texte, aber auch Werbetexte sind ihm nicht ganz fremd.
tomas nittner ist böhmisch-österreichischer Herkunft, in der Zwischenzeit eingemeindet.


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