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München/Gauting, 23.02. 2009 04:36

Speakers Corner - Meinungen ohne Sinn und Verstand

Sprachhülsen, Redemüll und verwandte Marotten

„Morgenstund' hat...“, „Fleiß ist aller...“ , „Wer einmal ...“ - das Schöne ist, jeder kennt den Rest auswendig. So auswendig, dass (angeblich besonders) witzige Sprachkünstler anfingen, die Sprüche zu pervertieren. Zum Beispiel: „Morgenstund' stinkt aus dem Mund“; mit ein bisserl Nachdenken, kann man aus jedem Sinnspruch einen Unsinnsspruch machen. So kreativ, so gut. Nervig wird es, wenn fröhliche Zeitgenossen den gleichen Spruch, kaum gelernt, ab sofort immer und bei jeder Gelegenheit anbringen.

Das erste Mal, lustig, das zweite Mal, schon weniger lustig, das dritte Mal, zum Gähnen und das vierte und jedes nächste Mal zum Dreinschlagen. Wenn sie wenigstens die Sprüche selbst erfunden hätten; aber meistens ist's nur gut abgeschrieben und wird dann, passend oder unpassend, rausgekräht.

Aber es müssen ja nicht diese Sprichwortclowns sein, die einem das Leben sprachlich vergällen. Fast noch schlimmer und leider noch häufiger sind die lieben Leut', die sich eine kleine Sammlung immer wieder kehrender Redeflussbrücken zurechtgelegt haben. Ich meine jetzt noch nicht einmal die infamen Ähhh-Sager, sie wissen schon, diese begnadeten Rhetoren, die zwischen jeden Halbsatz ein gut vernehmbares „Ähhh“ einschieben. Meistens ein ziemlich guter Hinweis, dass sie nicht die geringste Ahnung haben, worüber sie reden – ein bekannter bayerischer Politiker wurde geradezu geliebt für diese seine Kunst der freien Rede -oder ihr Selbstbewusstsein geht in etwa auf Kniescheibenhöhe wenn sie plötzlich vor größerem Publikum sprechen müssen.

Viel penetranter, aber auf Dauer umso wirkungsvoller sind Sprachartisten, die sich zur Aufpolsterung ihres belanglosen, endlosen Geplappers kleine Platzpatronen von Füllseln angewöhnt haben, die zwar völlig harmlos, aber mit der Länge des Gesprächs immer lauter werden. Da gibt es so Aussagen wie „Grob gesprochen“. Lässt sich überall einbauen, sagt überhaupt nichts aus, scheint aber für den Benutzer die letzte Eleganz sprachlicher Expressivität zu sein. Er verwendet es ziemlich wahllos, aber mindestens jeden vierten Satz. Nach spätestens fünf Minuten wartet man direkt darauf, konzentriert sich nur darauf, zählt mit, wie oft es kommt und kriegt von Sinn und Inhalt des Vortags rein gar nichts mehr mit. Was meistens kein großer Verlust ist... Oft gebraucht wird auch das Motto, wie in „Nach dem Motto“. Irgendwie war ich immer der Meinung, ein Motto wäre etwas knackig-kurzes, eine Art Sinnspruch à la „Honny soit qui mal y pense“, oder so. Weit gefehlt – die Motti, die uns da präsentiert werden, haben weder Kürze noch Würze. Meist nach dem Schema „Wenn ich morgen im Lotto gewinnen würde, wäre ich Millionär“, oder ähnlichem Schwachsinn. Aber der Begriff Motto ist ja nicht geschützt und kann deshalb weidlich vergewaltigt werden.

Schön machen's auch die Mitmenschen, denen ein einziges Mal in ihrem Leben ein guter Spruch eingefallen ist und die nun glauben, diesen für den restlichen Anteil ihrer Erdenexistenz mehr oder weniger wahllos verwenden zu müssen. Wenn jemand bei jedem, aber auch schon jedem noch so banalem Gespräch „In der Ruhe liegt die Kraft“unterbringen muss, braucht er sich nicht wundern, wenn man ihm eine gewisse sprachliche Aggressivität entgegen bringt. Leider bringt das nichts. Wie ein äußerst resistenter Virus sitzen diese Sprachgewohnheiten drin und sind auch nicht durch gutes Zureden oder Gesundbeten zu kurieren.

Was kann, was darf, was sollte man dagegen tun? Leider wenig bis gar nichts. Selbst wenn den ewigen „Ähh“-Sager jedes Mal nachäfft, zieht man sich höchstens ein paar Verbalinjurien zu, ändern wird man kaum etwas. Desgleichen bei den Sinnspruch- oder Motto-Genossen. Das Einzige, was man wirklich tun sollte: Aufpassen, dass man nicht selbst in so eine Falle tappt. Lieber langsam reden und zwischen durch überlegen, wie's weiter gehen könnte, was natürlich für viele Leute einer Eigenvergewaltigung gleich kommt. Scheint es doch heute so zu sein, dass man nur durch maschinengewehrmäßiges Reden überhaupt zu Wort kommt. Die zweite Möglichkeit wäre einfach öfter überhaupt den Mund zu halten und die anderen reden zu lassen. Nur beißt sich da die Schlange in den Schwanz: Man kommt nicht in die Gefahr selber Sottisen und Sprachhülsen von sich zu geben, aber dafür muss man die der anderen ertragen. Die dritte Alternative ist die des Epikur: Bene qui latuit, bene vixit, nur wer im Verborgenen lebte, lebte gut. Aber das will sich ja wieder keiner antun.

PS: Den Redensarten dieser jungen Dame, http://www.cad-plots.de/SecretarysA_sss.wmv kann man eine gewisse Durchschlagskraft nicht absprechen.



tomas nittner ist bildender Künstler, Grafiker und Autor. Seine Ausbildung genoss er an der Accadèmia di Brera in Mailand und an der Hochschule für Gestaltung, Abteilung Visuelle Kommunikation, in Ulm. Er war Mitarbeiter bei Otl Aicher für die Gestaltung der Olympischen Spiele in München 1972. Er hat ein Drittel seines arbeitenden Lebens im Ausland verbracht: Italien, Schweiz, Frankreich, Mexiko, USA. Als Grafiker hat er für namhafte Firmen im Bereich Corporate Design gearbeitet. In der bildenden Kunst stellte er in Deutschland, Italien, Frankreich, Griechenland und den USA aus. Als Autor war er an verschiedenen Satirebänden beteiligt und verfasst laufend satirische Texte, aber auch Werbetexte sind ihm nicht ganz fremd.
tomas nittner ist böhmisch-österreichischer Herkunft, in der Zwischenzeit eingemeindet.



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