Lausanne, 30.05. 2006 10:21
ENS 2006: Europäische Neurologentagung versammelt 2.200 Experten in Lausanne
Multiple Sklerose: Hoffnung durch neue Behandlungsstrategien
Lausanne, 30. Mai 2006 – "Die heute verfügbaren immunmodulierenden und immunsuppressiven Therapien bei Multipler Sklerose richten sich direkt gegen den Entzündungsprozess und sind leider nur teilweise wirksam. Wir brauchen daher einen besseren Einsatz bestehender Therapien und innovative, alternative Behandlungsansätze, um Betroffene vor der zunehmenden Behinderung durch die Krankheit wirksam zu schützen", betonte Professor Giancarlo Comi (Mailand, It) heute auf der Jahrestagung der Europäischen Neurologengesellschaft.
Mehr als 400.000 Menschen leiden in Europa unter Multipler Sklerose (MS), weltweit sind mehr als eine Million betroffen. Es handelt sich dabei um eine schwere, chronische Erkrankung von Gehirn und Rückenmark. Im Verlauf der Krankheit werden durch fehlgesteuerte Immunreaktionen Nerven und vor allem deren Isolationsschicht - die so genannten Markscheiden - zerstört. MS gilt als die häufigste neurologische Erkrankung, die im jungen Erwachsenenalter zu bleibender Behinderung und Invalidität führt.
In Lausanne (CH) findet derzeit der 16. Kongress der European Neurological Society (ENS) statt. Bei dieser wichtigsten europäischen Tagung aus dem Bereich der Neurologie werden die wichtigsten Trends und Highlights der neurologischen Forschung und Therapie präsentiert, viele davon zum Thema MS.
Frühzeitiger Beginn immunmodulierender Therapien hilft Patienten
In den vergangenen Jahren gelang mit der Einführung der Interferone und des Glatiramerazetats als immunmodulierend wirkenden Substanzen ein großer Fortschritt in der Therapie. Allerdings profitierte nur ein Teil der Patienten von diesen Behandlungsformen, und der Effekt der antientzündlichen Therapien auf die Langzeitbehinderung war bescheiden. Ein früher Behandlungsbeginn und eine Ziel gerichtete Kombination von Medikamenten seien wichtige Strategien zur Optimierung der Therapie, so Prof. Comi.
Erkennbar beginnt die MS bei mehr als 80 Prozent der Patienten mit einem schubförmigen Verlauf. Unbehandelt kommt es bei rund 40 Prozent der Betroffenen nach zehn Jahren zu einer so genannten sekundären Progredienz, also einer schleichenden Zunahme klinischer Symptome auch ohne eindeutigen Schub. Ein wichtiger neuer Trend im Therapie-Management sei die zunehmende Befürwortung eines frühen Beginns der so genannten krankheits- oder immunmodulierenden Therapie, berichtete Prof. Comi: „Studien liefern uns Hinweise darauf, dass wir mit einer frühen Behandlung weitere Schübe zumindest verzögern, hoffentlich sogar vermeiden können. Es gibt Daten, die das Konzept unterstützen, mit einer frühzeitigen Behandlung isolierter klinischer Syndrome auch langfristig eine bessere Behinderungs-Prävention zu erreichen, als durch das Abwarten, bis es einen sicheren Nachweis der subklinischen Ausbreitung der Krankheit gibt.“
So haben etwa Studien mit Interferon-beta-Präparaten gezeigt, dass eine Behandlung gleich nach dem ersten Schub den Krankheitsverlauf günstig beeinflussen und einen neuerlichen Schub deutlich hinauszögern kann. Ein zweiter MS-Schub gilt als Sicherung der klinische Diagnose einer MS.
"Die Ergebnisse großer Studien legen den Schluss nahe, daß schon zu einem frühen Zeitpunkt der Erkrankung niedrig dosierte Einmalgaben von Beta-Interferonen in der Lage sind, die entzündlichen Prozesse zu bremsen", so Prof. Comi. Auch bei anderen immunmodulatorischen Substanzen sei eine möglichst frühe Anwendung sinnvoll.
Neue Chancen durch Kombination
Neben Beta-Interferon stehen jetzt auch monoklonale Antikörper mit einer spezifischen Wirkung gegen die MS zur Verfügung. Der monoklonale Antikörper Natalizumab richtet sich gegen das alpha-4beta-1-Integrinmolekül an der Oberfläche von weißen Blutkörperchen. Wird es blockiert, wird der Einstrom der aggressiven Immunzellen in das Zentralnervensystem im Rahmen der MS blockiert. "In Studien zeigte Natalizumab allein und in Kombination mit Interferon beta-1a eine hohe Wirksamkeit", berichtet Prof. Comi. Natalizumab, das unter dem Handelsnamen Tysabri vertrieben wird, reduzierte das Risiko eines Fortschreitens der Behinderung um etwa 40 Prozent und die Schubhäufigkeit um 68 Prozent. Die Kombinationstherapie von Natalizumab und Intaferon beta 1-a führte zu einer 24-prozentigen Reduktion des relativen Risikos für eine anhaltende Progression der Behinderung im Vergleich zu Intaferon beta-1a allein.
Bei MS kommt es zu einer Autoimmunerkrankung, es werden Antikörper gegen körpereigene Zellen gebildet. Die Antikörper durchdringen die Blut-Hirn-Schranke, die normalerweise dafür sogt, dass schädigende Substanzen nicht vom Blut in das Hirngewebe übertreten können. Tysabri bewirkt nun, dass die Antikörper die Blut- Hirn-Schranke nicht durchbrechen können, dadurch wird die Krankheit in ihrem Verlauf gestoppt, es kommt zu keinen Entzündungsreaktionen.
"Bei Patienten mit Multipler Sklerose (MS), die nicht auf die übliche Behandlung mit Interferonen oder Glatiramerazetat ansprechen, kann die Therapie auch erfolgreich mit Immunsuppressiva kombiniert werden", nennt Prof. Comi ein Beispiel für neue Erkenntnisse über Kombinationstherapien. In einer Studie wurde Interferon etwa mit Mitoxantron kombiniert, einem Medikament, das unter anderem auch in der Krebstherapie eingesetzt wird. Rückfälle und Krankheitsschübe wurden um bis zu 50 Prozent reduziert.
Neue Perspektive: Selektive Immunsuppression
Aus klinischen, bildgebenden, pathologischen, immunologischen und tierexperimentellen Studien ergaben sich in den letzten Jahren neue pathogenetische und therapeutische Erkenntnisse zur MS. "Fortschritte in unserem Verständnis der T-Zellen und anderer Elemente des Immunsystems erlauben es auch, völlig neue Behandlungsansätze zu entwickeln", so Prof. Comi. "Die Forschung geht hier unter anderem in Richtung einer selektiver Immunsuppression."
Ein Ansatz für die Entwicklung künftiger Therapien versucht, bestimmte Zellen zu inaktivieren und damit eine Verbesserung der Krankheitssymptome zu erreichen. Prof. Comi: "Wissenschaftern ist es gelungen, durch die Inaktivierung bestimmter Proteine, der so genannten Chemokine, eine Verbesserung des Gesundheitszustandes von an Multipler Sklerose erkrankten Mäusen zu erreichen." Chemokine sind Botenstoffe des Körpers, die bei Entzündungsprozessen eine wichtige Rolle spielen.
Auch durch eine Blockade des Hormons Leptin ist es Forschern gelungen, bei Mäusen eine der menschlichen Multiplen Sklerose (MS) entsprechende Krankheit zu bessern, ihr Fortschreiten zu verzögern, Schübe zu reduzieren und die krankheitsbegleitende Autoimmunreaktion abzuschwächen. Durch die Leptin-Blockade schwächte sich neben der Aggressivität der T-Zellen gegen den eigenen Körper auch ihre Bereitschaft zu Autoimmunreaktionen ab. Die Wissenschaftler hoffen, damit einen neuen Ansatz für die Therapie der Multiplen Sklerose gefunden zu haben. "Ob und in welchem Umfang ihre Ergebnisse auf den Menschen übertragbar sind, muss jetzt durch weitere Untersuchungen geklärt werden", warnt Prof. Comi vor zu frühen Hoffnungen.
Interessant für neue Ansätze zum Verstehen von Symptomen der MS und auch hinsichtlich neuer Therapiestrategien seien auch veränderte Ionenkanäle – insbesondere für Natrium und Calcium – auf demyelinisierten Nervenfasern, so der Experte.
Auch verschiedene Versuche, eine Impfung gegen MS zu entwickeln, beschäftigen die MS-Forscher. Dazu gehören etwa Versuche, aus inaktivierten, ursprünglich gegen Nervenscheiden gerichteten T-Zellen eine Impfung gegen das Fortschreiten der Erkrankung zu entwickeln. "Hier muss jedoch vor zu großen Erwartungen gewarnt werden", so Prof. Comi. Frühere Hoffnungen auf einen Impfstoff gegen die Erkrankung hätten sich bedauerlicherweise nicht erfüllt.
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