Boulevard
München/Gauting, 26.04. 2010 09:56
Speaker’s Corner - Meinungen ohne Sinn und Verstand
Bio, mio, Gift und Galle
Am Schlimmsten ist‘s bei einer in München und Umgebung ansässigen Bäckerei. Schon vor der einschlägigen Mode wurde dort auf „Naturnähe“ und „Ursprünglichkeit“ größter (werbewirksamer) Wert gelegt. Seit einiger Zeit gibt es dort noch nicht einmal ein Gummibärchen, das ohne die Vorsilbe „Bio“ über den Tresen geht. Bio-Semmeln, Bio-Brez‘n, Bio-Vollkorn-Mehrkorn-Nurkorn-Überhaupt-Brot.
Auch eine probate Methode, eine Werbestrategie durch unnötige Übertreibung vom selbstversprochenen Erfolg in den völligen Flop zu überführen. Wieder ein typischer Fall für „Weniger ist mehr“. Wo „Bio“ drauf steht, muss nicht notwendigerweise auch „Bio“ drin sein; manchmal steckt einfach nur reinstes Werbe-Dumm-Deutsch dahinter.
Vor noch nicht sehr langer Zeit, freute man sich darüber wenn, meinetwegen, Kartoffeln schön gewaschen und poliert im Plastiksackerl lagen, fertig für den Sprung ins heiße Wasser. Damit ist jetzt erst mal Schluss. Heutzutage müssen zeitgemäße Erdäpfel in „echter“ Erde daher kommen, am Besten noch in einem angegrauten Jutebeutel, dem man die Herkunft vom garantiert „biologischen“ Bauernhof nicht nur am Preis sofort ansieht. Karotten verkaufen sich am Besten in Gesellschaft einiger schrumpligen Exemplare; überhaupt ist das leicht gebraucht aussehende Grünzeug, das den Charme des kleinen schnuckeligen Bauernhofs ausstrahlt, der Umsatzrenner. Inzwischen folgen selbst große Billigläden aber auch gehobene Lebensmittelhändler dem Gebot des Marktes, mit Besprenklungsanlagen für Gemüse, oder putzigen, nachgemachten Reetdächern über ihren Kartoffelstanderln. In der Fleischabteilung wird uns vorgemacht, dass der Fleischhauer ein fast persönlich-inniges Verhältnis zum Vorbesitzer der Kalbsstelzn hat und dessen Herkunft bis ins n-te Glied arierpassmäßig runterbeten kann. In der Fischabteilung gibt‘s Pangasiusfilet, das zwar aus Vietnam kommt, dessen „Co2-Footprint“ aber putzigerweise unter dem einer Starnbergersee-Renke liegt. Rätselhafte Welt der Nahrungskette...
Selbstverständlich hört die ganze Bio-Masche nicht bei Lebensmittel auf. Alles, was nur im entferntesten mit irgend welchen Wohlfühlfaktoren des menschlichen Wesens zu tun hat, wird auf „Bio“verfügbarkeit untersucht. Große Werbe- und Marketingabteilungen beschäftigen höchstbezahlte Fachzyniker, die nur mit der Erfindung entsprechender Attribute beschäftigt sind. Ob Hundefutter oder Möbel, Autos oder Klopapier, Kleidung oder ganze Häuser - ohne den Segen des Bio-Siegels geht heute nichts mehr über den Ladentisch. Es bleibt abzuwarten, wann die, ach so böse, Pharmaindustrie es schafft, allgemein als gefährlich eingestufte Krebsheilmittel zum Naturprodukt zu adeln. Haben sie doch sowieso schon mit einer nicht zu unterschätzenden Konkurrenz aus der „Naturapotheke“ zu kämpfen. Da werden aus allen Ecken und Dschungeln dieser schönen Erde obskure Heilversprechen heran geschafft; indianische Schamanen und indische Gurus haben Hochkonjunktur, da sie ja angeblich Tag und Nacht im innigen Dialog mit Mutter Natur stehen und die weiß ja bekanntlich am Besten, was gut für uns ist.
Manchmal bekommt man den Eindruck, dass wir uns einerseits das Leben durch technologischen Fortschritt einfacher machen. Andrerseits scheinen wir, ob der dadurch erreichten Erleichterungen, auf den Schlag ein schlechtes Gewissen zu bekommen. Dieses versuchen wir dann durch einen entschiedenen und größtmöglichen Rückgriff auf die Segnungen der Natur wieder wettmachen zu wollen. Dass wir dabei zumeist übers Ziel hinausschießen, scheint wiederum in der Natur von uns kleinen Menschenkindern zu liegen.
Bildunterschrift:
tomas nittner
tomas nittner ist bildender Künstler, Grafiker und Autor. Seine Ausbildung genoss er an der Accadèmia di Brera in Mailand und an der Hochschule für Gestaltung, Abteilung Visuelle Kommunikation, in Ulm. Er war Mitarbeiter bei Otl Aicher für die Gestaltung der Olympischen Spiele in München 1972. Er hat ein Drittel seines arbeitenden Lebens im Ausland verbracht: Italien, Schweiz, Frankreich, Mexiko, USA. Als Grafiker hat er für namhafte Firmen im Bereich Corporate Design gearbeitet. In der bildenden Kunst stellte er in Deutschland, Italien, Frankreich, Griechenland und den USA aus. Als Autor war er an verschiedenen Satirebänden beteiligt und verfasst laufend satirische Texte, aber auch Werbetexte sind ihm nicht ganz fremd.
tomas nittner ist böhmisch-österreichischer Herkunft, in der Zwischenzeit eingemeindet.
Kontaktinformationen:
tomas nittner
Wessobrunner Straße 4
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