Boulevard
München/Gauting, 02.11. 2009 07:16
Speakers Corner - Meinungen ohne Sinn und Verstand
Wer anderen eine Grube gräbt, muss sie selber auslöffeln
Wie haben wir uns doch gefreut, endlich wieder eine neue, oder fast neue, Regierung zu haben. Jetzt wird alles besser, sagen sie uns, was natürlich impliziert, dass es schlechter nicht mehr geht. Ach ja, und einen Koalitionsvertrag haben sie auch schon geschaffen, die besten Köpfe, die unsere Republik aufbieten kann. So weit man diversen Nachrichtenmagazinen trauen darf, handelt es sich dabei um eine der bestgetarnten Kooperationen zwischen den meisten Lobbyverbänden in Berlin und der hohen Politik. Es freut einen doch ganz ungeheuer, dass so viele fähige Menschen Tag und Nacht und unermüdlich ausschließlich unser Bestes im Auge behalten, nur zurück bekommen wir es wahrscheinlich nie.
Dann wollen wir uns mal einrichten, auf vier Jahre froher Botschaften, schlecht maskierter Kompromisse. und großer Mittelmäßigkeit. Freuen wir uns auf geschliffene, blitzgescheite Redeschlachten im Parlament, großartige Gegenangriffe einer scharfen Opposition, klug durchdachte Vorschläge der großen Politik in unserem kleinen Land. Oder so. Um einen Werbespruch für Bier etwas abzuwandeln (ohne gleich Schleichwerbung, Verzeihung, Product Placement zu betreiben): Wie das Land, so seine Politiker. Immer den Stammtisch fest im Auge, aber um aller Himmel Willen nicht die Demokratie überstrapazieren. „Man wird doch noch mal was sagen dürfen“ scheint das zuletzt ausgegebene Motto zu sein, inspiriert vom Nachglühen einer Fußball-Weltmeisterschaft, die zum Freibrief unser Weltläufigkeit geworden ist.
Dabei steht der Feind vor den Toren der Republik: Die Schweinegrippe wird uns alle dahin raffen, wenn wir uns nicht impfen lassen. Sagen die einen. Die anderen meinen wiederum, bloß keine Impfung, die ganz normale, landläufige Herbst-Winter-Frühjahrsgrippe sei ja viel gefährlicher. Die ganz die anderen meinen noch dazu, es sei äußerst unfair und wieder mal typisch, dass Politiker und noch ein paar andere Privilegierte die De Luxeversion des Serums kriegen sollen, während unsereiner mit der Billigheimer-Variante abgespeist wird. Schon sind wir wieder drin, in der großen Politik im kleinen Sandkasten. Das Wichtigste ist doch die Verunsicherung weiter Teile der Bevölkerung und schon scharen sich alle angsterfüllt um den heimischen Herd und geben ihr Geld im Lande aus, anstatt sich an fernen Stränden den fast sicheren Tod zu holen, oder vielleicht gar einzuschleppen. Wenn die Panik so richtig um sich greift, lässt sich‘s doch viel leichter regieren. Wenn man jetzt noch ein paar wohlformulierte Verschwörungstheorien oben drauf packt, hat man doch alle schnell im Sack, auf den man dann mit großer Wonne drauf hauen kann. Laut Shakespeare war ja Brutus „ein ehrenwerter Mann“, aber halt auch Politiker, nur geschmackvolle Krawatten gab‘s damals noch nicht...
Nicht dass jetzt jemand annehmen sollte, unsere neue Regierung mit all ihren brillanten Köpfen wäre unfähig die Geschicke unseres Landes zu lenken und die winzige Nussschale unserer kleinen Existenzen sicher um alle Gehfährnisse der modernen Welt herum zum sicheren Hafen zu führen. Oder dass gar jemand auf die abwegige Idee käme, die „Anderen“ würden diesen Job besser machen. Um diesmal großspurig mit Dante zu sprechen „Ihr, die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren“, gilt für jedwede Regierungskoalition, welcher abstruse Farbgebung auch immer. Das Einzige, was sich ändert, sind die Vorzeichen der vorgeschlagenen und eingeschlagenen Kompromisse. Mut zur klaren Meinung, oder gar zur Vernunft in der Politik gibt es nirgendwo. Das beste Beispiel liefern uns da wieder einmal unsere transatlantischen Freunde, die vor einem Jahr noch voll der Freude und Begeisterung über ihr neues Oberhaupt waren - und wir mit ihnen, selbstredend, ist doch klar - und jetzt feststellen, dass das Wasser mit dem da gekocht wird, beileibe keine „Perrier“ ist, sondern auch nur aus der Leitung kommt und noch dazu chloriert ist.
Und so wurschteln sie alle weiter, sicher im Bewusstsein, dass wir das schon alle mitmachen werden, was wir auch garantiert tun werden.
tomas nittner ist bildender Künstler, Grafiker und Autor. Seine Ausbildung genoss er an der Accadèmia di Brera in Mailand und an der Hochschule für Gestaltung, Abteilung Visuelle Kommunikation, in Ulm. Er war Mitarbeiter bei Otl Aicher für die Gestaltung der Olympischen Spiele in München 1972. Er hat ein Drittel seines arbeitenden Lebens im Ausland verbracht: Italien, Schweiz, Frankreich, Mexiko, USA. Als Grafiker hat er für namhafte Firmen im Bereich Corporate Design gearbeitet. In der bildenden Kunst stellte er in Deutschland, Italien, Frankreich, Griechenland und den USA aus. Als Autor war er an verschiedenen Satirebänden beteiligt und verfasst laufend satirische Texte, aber auch Werbetexte sind ihm nicht ganz fremd.
tomas nittner ist böhmisch-österreichischer Herkunft, in der Zwischenzeit eingemeindet.
Bildunterschrift:
tomas nittner
Kontaktinformationen:
Wessobrunner Straße 4
82131 Gauting
+49-(0)89-791 68 86
+49(0)171-796 74 27
http://www.nittner-arts-painting.de
Drucken der Pressemitteilung