Boulevard
München/Gauting, 16.03. 2010 04:32
Speakers Corner - Meinungen ohne Sinn und Verstand
Natur ist wenn man‘s trotzdem macht
Einem Gerücht zufolge werden in den diversen Bilderforen im Internet, in denen unsere, ach so begabten, Amateurfotografen die Ausbeute ihrer lichtbildnerischen Gehversuche der Öffentlichkeit unentgeltlich (dafür aber bar jeder Selbstkritik) zumuten, Sonnenunter- und Sonnenaufgänge im Fünfminutentakt geordnet. Es ist anscheinend ein so beliebtes Motiv, dass man, um wenigstens eine gewisse Ordnung zu schaffen, den jeweiligen Zeitpunkt des Klicks zum ästhetischen Qualitätskriterium erkoren hat.
Man könnte natürlich auch, einem famosen Diktum von Gertrude Stein folgend, sagen: „Ein Sonnenuntergang ist ein Sonnenuntergang ist ein Sonnenuntergang“. Der empörte Aufschrei aller Schöpfer dieser Abbildungen eines ziemlich lapidaren Naturereignisses wäre uns gewiss. Schließlich geht es hier um mehr, als der mehr oder weniger geschickten Verteilung von Orange-Goldgelb-bis-Rotpixel innerhalb eines Rechtecks. Die Natur in all ihrer prächtigen Banalität soll uns an die Vergänglichkeit menschlichen Tuns erinnern, oder so ähnlich, genau.
Poetischer gingen da schon unsere Vorfahren ans Werk, während sie sanft die „Wiege des Abendlandes“ schaukelten. Sie erfanden wenigstens Götter, die diesen ganzen Zirkus am Laufen hielten. Wahrscheinlich, weil der Fotoapparat noch nicht erfunden war, aber bestimmt auch, weil sie einen heillosen Respekt und ziemlich viel Angst vor allem dem hatten, was wir heute mit verzückt rollenden Augen Natur nennen. Sie hatten mit ihrer ziemlich pragmatischen Intelligenz sehr schnell begriffen, dass sich da zwei Antipoden mit größter Feindseligkeit gegenüberstehen: Hier der Mensch und dort die Natur.
Es wäre wirklich an der Zeit, mit dem ganzen Gedöns über die Herrlichkeit und Schönheit und Güte und Freuden und Reichtum und Genuss und Wohltaten der Natur aufzuhören und den Tatsachen einen kleinen Auftritt zu verschaffen. Natur ist tödlich. Punkt. Die einzigen Lebewesen, die ohne nennenswerte Hilfsmittel ihre Zumutungen über leben, sind wahrscheinlich Bakterien und Kakerlaken. Für höher entwickelte Lebewesen, zum Beispiel für uns Kronen der Schöpfung, gilt die obige Aussage. Unsere Überlebensfähigkeit auf diesem Planeten, gegenüber anderen, basiert eigentlich nur auf graduellen Unterschieden diverser Zutaten, wie zum Beispiel des Sauerstoffs. Der, nebenbei gesagt, bei seiner Erfindung vor zigmillionen Jahren für einen Großteil der Lebewesen hienieden tödlich war. Ansonsten sind wir Tag und Nacht beschäftigt uns gegen die lebensgefährlichen Attacken der hochgelobten Natur zu wappnen. Zivilisation und Kultur sind immer noch einigermaßen vernünftige und wirksame Mittel den gnadenlosen Nachstellungen unseres größten Feindes zu entgehen. Für alle Naturfexen da draußen genügt ein kleiner Spaziergang durch einen dieser „Outdoor-Läden“, um sich davon zu überzeugen, welche ingeniösen Hilfsmittel zahllose Natur-A-depp-ten (sic!) sich haben einfallen lassen müssen, um ein kleinen Ausflug in die, euphemistisch frei genannte, Natur zu überleben. Anstatt in ihren vorbildlich gebauten und beheizten Häusern zu bleiben und dem Toben der Naturgewalten durch gut isolierende Dreifach-Fenster zuzuschauen.
Diesen ganzen Naturrummel verdanken wir nur ein paar grandios gemalten Bildern des 19. Jahrhunderts, an dessen Ende einige intellektuelle Wirrköpfe die Losung „Zurück zur Natur“ ausgaben. Am Anfang war das noch eine recht putzige Angelegenheit, die erst zu einer ernst zu nehmenden Mode wurde, als sich Politik und Wirtschaft des Themas annahmen. Heute haben wir ein aufgeregtes und wütendes Gehaue und Gesteche zwischen gewaltigen wirtschaftlichen Interessen und den Anhängern der „wahren“ Natur. Die wiederum kümmert sich einen Dreck um das ganze Gewese und wurschtelt weiter blind vor sich hin, Götter hin, Götter her.
Bildunterschrift:
tomas nittner
tomas nittner ist bildender Künstler, Grafiker und Autor. Seine Ausbildung genoss er an der Accadèmia di Brera in Mailand und an der Hochschule für Gestaltung, Abteilung Visuelle Kommunikation, in Ulm. Er war Mitarbeiter bei Otl Aicher für die Gestaltung der Olympischen Spiele in München 1972. Er hat ein Drittel seines arbeitenden Lebens im Ausland verbracht: Italien, Schweiz, Frankreich, Mexiko, USA. Als Grafiker hat er für namhafte Firmen im Bereich Corporate Design gearbeitet. In der bildenden Kunst stellte er in Deutschland, Italien, Frankreich, Griechenland und den USA aus. Als Autor war er an verschiedenen Satirebänden beteiligt und verfasst laufend satirische Texte, aber auch Werbetexte sind ihm nicht ganz fremd.
tomas nittner ist böhmisch-österreichischer Herkunft, in der Zwischenzeit eingemeindet.
Kontaktinformationen:
tomas nittner
Wessobrunner Straße 4
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+49(0)171-796 74 27
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