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München/Gauting, 25.05. 2009 07:43

Speakers Corner Meinungen ohne Sinn und Verstand

Bürger und Edelmann

Wenn wir ihn nicht hätten, wir würden ihn sofort erfinden. Eigentlich existiert er ja offiziell seit 1918 nicht mehr, unser über alles geliebter Adel. Aber Dracula war ja angeblich auch nur ein Erfindung Bram Stokers und ist immer noch so präsent, wie eh und je. Wie das Untote so an sich haben. Hat ja auch so ein „je-ne-sais-quoi“ wenn es anstatt „Maier“ (Meier, Mayer, Meir, etc.) „von Maier“ heißt. Schon hat man das Gefühl, dass alle anderen dem Plebs angehören. Das soll nicht heißen, dass der authentische Adel keine Meriten hat. Spaßig wird erst der Umgang des gemeinen Volkes mit dem Phänomen. Die Sehnsucht das kleine Suffix seinem Namen voran zu stellen, ist immer noch endlos.

Man sollte diesen Drang nach verblichener Größe natürlich auch nicht kaputt machen, schließlich leben Tausende von Menschen in den verschiedensten Industrien vom schönen Wahn. Die Regenbogenpresse trägt ja nicht unwesentlich zum Altpapieraufkommen bei. Aber amüsant ist es schon, wenn Nachrichtensprecher um eine Nuance feierlicher sprechen, so bald es sich um ein Mitglied der hochwohlgeborenen ehrenwerten Gesellschaft dreht. Noch vergnüglicher ist es zu beobachten, wie der gemeine Zeitgenosse Probleme im gesellschaftlichen Verkehr mit dem Adel bekommt. Die Bezeichnung „Herr Baron“ oder „Frau Gräfin“ sind da oft und gerne zu hören. Auch sonst entsteht meist eine Tendenz bestes Benehmen zu zeigen, sollte ein geadeltes Wesen im Raume weilen. Das trifft natürlich nicht für die landesüblichen Rabauken zu, die den Ausdruck ihrer republikanischen Gesinnung hauptsächlich durch schlicht schlechte Erziehung demonstrieren müssen.

Da ja 1918 ganz offiziell Schluss mit lustig war, sollte man annehmen, dass damit das Thema Adel auch mit der Zeit aussterben würde. Wie wir wissen, ist diese Annahme so verkehrt wie die morgige Börsenprognose. Da wird adoptiert und geheiratet, da werden Adelsprädikate im Ausland besorgt, jedes Mittel scheint recht zu sein, sich anscheinend durch ansprechende finanzielle Transaktionen zum Blaublüter zu machen. Die Liste reicht vom Anwalt bis zum Zuhälter, vom Geschäftsmann bis zum kleinsten Hascherl, das nicht davor zurückschreckt, sich dem größten Langweiler aller Zeiten ehelich auszuliefern. Das Wichtigste scheint zu sein, dass am Tage nach der Hochzeit der Metzger, der Bäcker und die Putzfrau laut, deutlich und für alle anderen Kunden gut hörbar „Frau Gräfin“ (siehe oben) ausrufen, wenn dieses ab sofort aufs Schamerl gestellte Wesen geruht ihren unwürdigen Laden zu betreten. Und kaum ist etwas über die neueste Traumhochzeit etwas in den bunten Blättern erschienen, werden die Ausschnitte neben die Kassa geklebt. Nur schade, dass die Bezeichnung „königlich (gräflicher, freiherrlicher, etc.) Hoflieferant“ nicht mehr gerne gesehen ist. Obwohl, in München gibt es immer noch Senfsorten, die mit der Bezeichnung „ehemaliger“ königlicher Hoflieferant auf dem Etikett zu Markte ziehen...

Aber bei uns ist ja angeblich das Volk der Souverän. Nur scheint sich das Volk in dieser Rolle nicht wohlzufühlen, oder es langweilt sich ganz einfach, so ganz ohne Glanz und Gloria von Thurn und Taxis zu regieren. Zum Trost, die Deutschen sind nicht die einzige Nation mit Hang zum Adeligen. Die meisten Länder, die heute qua Gesetz und Verfassung ohne den Firnis einschlägiger Königs- und Adelshäuser auskommen müssen, haben das gleiche Problem. Nicht umsonst haben ja die Amerikaner den Begriff Geldadel erfunden und fahren sehr gut damit. Hat natürlich nicht so ganz den sonoren Klang des illustren Namens, beruhigt aber ungeheuer zu wissen, dass man sich notfalls den entsprechenden Titel kaufen könnte. Da ja alles in unserer zügellosen Marktwirtschaft eine Frage des Angebots und der Nachfrage ist, dürfte das Geschachere munter weiter gehen. Das ist ja auch gut so, jeder bekommt das, wonach sein kleines Herz sich sehnt. Die einen das Geld, die anderen den Titel und das Geld bleibt im Kreislauf. Und so tragen auch noch uralte Adelsgeschlechter, oder das, was davon übriggeblieben ist, dazu bei ihr kleines Scherflein zur Bewältigung dieser elenden Wirtschaftskrise zu leisten.

PS: Hier sieht man den augenblicklichen Tiefpunkt in der Auffrischung „alten Blutes“. http://www.cad-plots.de/prinz.wmv


tomas nittner ist bildender Künstler, Grafiker und Autor. Seine Ausbildung genoss er an der Accadèmia di Brera in Mailand und an der Hochschule für Gestaltung, Abteilung Visuelle Kommunikation, in Ulm. Er war Mitarbeiter bei Otl Aicher für die Gestaltung der Olympischen Spiele in München 1972. Er hat ein Drittel seines arbeitenden Lebens im Ausland verbracht: Italien, Schweiz, Frankreich, Mexiko, USA. Als Grafiker hat er für namhafte Firmen im Bereich Corporate Design gearbeitet. In der bildenden Kunst stellte er in Deutschland, Italien, Frankreich, Griechenland und den USA aus. Als Autor war er an verschiedenen Satirenbänden beteiligt und verfasst laufend satirische Texte, aber auch Werbetexte sind ihm nicht ganz fremd.
tomas nittner ist böhmisch-österreichischer Herkunft, in der Zwischenzeit eingemeindet.



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