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Frankfurt, 17.02. 2005 12:13

Neues Medikament ermöglicht Patienten mit fortgeschrittenem Darmkrebs längeres Leben
Angiogenese-Hemmer Avastin eröffnet eine neue Ära in der Krebstherapie

Die europäische Zulassungsbehörde EMEA hat jetzt den monoklonalen Antikörper Avastin® (Wirkstoff Bevacizumab) in Kombination mit einer intravenösen Chemotherapie als Erstlinienbehandlung von Patienten mit fortgeschrittenem Dickdarm- und Enddarmkrebs zugelassen. Avastin ist der erste und bisher einzige Vertreter der völlig neuen Wirkstoffklasse der Angiogenese-Hemmer. Der Antikörper verlängert das Leben der Patienten wesentlich um fünf Monate. Avastin ist in Deutschland seit der Zulassung verfügbar.

In den letzten Jahren hat sich Darmkrebs in Deutschland zur zweithäufigsten Tumorart bei Männern und Frauen entwickelt — Tendenz steigend. Jährlich werden über 66.000 Menschen mit dieser Diagnose konfrontiert. Das Fatale: Etwa die Hälfte der Patienten stirbt an den Folgen der Erkrankung. Oft wird die Krankheit erst in einem Stadium entdeckt, wenn der Krebs schon weit fortgeschritten ist und Metastasen in andere Organe gestreut hat. Dann gilt er als nicht mehr heilbar. In diesen Fällen ist das Ziel der Therapie die Lebensverlängerung bei möglichst wenig Schmerzen und anderen belastenden Symptomen, also: bei guter Lebensqualität.


Angiogenese-Hemmung – Tumor wird ausgehungert
"Jahrzehntelang galt die Chemotherapie als Behandlung der Wahl bei diesen Patienten", so Professor Wolff Schmiegel, Bochum.
Doch die Suche nach effektiveren Medikamenten für einen gezielteren Kampf gegen den Krebs ging weiter — mit Erfolg. In den letzten Jahren hat die Forschung weitere Details über die biologischen Eigenschaften von Tumoren herausgefunden — warum sie ungehemmt wachsen, warum sie Metastasen bilden. Das eröffnete die Möglichkeit, neue, speziell gegen diese Tumorcharakteristika "maßgeschneiderte" Medikamente zu entwickeln. Von besonderem Interesse ist dabei die von der Krebsgeschwulst selbst ausgelöste Neubildung von Blutgefäßen. Dieser als Tumor-Angiogenese bezeichnete Vorgang wird von Experten als eine entscheidende Voraussetzung für das Weiterwachsen des Tumors und die Bildung von Tochtergeschwülsten angesehen. Die Schlüsselrolle spielt dabei der Wachstumsfaktor VEGF (engl. = Vascular Endothelial Growth Factor).

Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnis erschien die medikamentöse Hemmung von VEGF, die so genannte Anti-Angiogenese, ein sinnvolles Konzept einer neuen, zielgerichteten Krebstherapie zu sein. Diese Gefäßblocker oder Angiogenese-Hemmer verhindern die Bildung neuer Blutgefäße im Tumor und seiner Umgebung: Seine Versorgung mit lebenswichtigem Sauerstoff und Nährstoffen wird damit gestoppt und dadurch das Wachstum der Krebszellen gehemmt. Der Tumor wird regelrecht "ausgehungert."

Lebensverlängerung um fünf Monate
Den klinischen Beweis dafür, dass die zielgerichtete Angiogenese-Hemmung eine wirksame und sinnvolle Strategie gegen den Krebs ist, erbrachte die Auswertung einer großen amerikanischen Studie mit Avastin, die die Grundlage der Zulassung bildete (Hurwitz H et al., N Engl J Med 2004; 350:2335-2342). Hier konnte gezeigt werden, dass Patienten, die zusätzlich zur Chemotherapie mit dem Antikörper behandelt wurden, im Durchschnitt 5 Monate und damit um 30 % länger lebten als Patienten, die lediglich eine Chemotherapie ohne den Antikörper erhalten hatten. Auch wurde durch die Kombinationstherapie die Zeitdauer, in der die Krankheit nicht fortgeschritten ist, um 71 % und damit wesentlich verlängert.

Der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft für Internistische Onkologie, Prof. Hans-Joachim Schmoll, Halle, bezeichnet die in der Zulassungsstudie erreichte Verlängerung des Gesamtüberlebens als unerwartet hohen Effekt: "Der Anstieg der mittleren Überlebenszeit bei Patienten mit fortgeschrittenem Darmkrebs, der mit Avastin erreicht wurde, ist für uns als klinische Untersucher einfach überwältigend." Laut Schmoll können Patienten nun eine deutlich verbesserte Wirksamkeit der Therapie und ein längeres Überleben erwarten. Dafür sprechen auch die Daten einer Patienten-Subgruppe, die in der Zulassungsstudie im Anschluss an die Avastin-Kombinationstherapie eine Behandlung mit dem Chemotherapeutikum Oxaliplatin erhielten: Diese Patienten erreichten eine mediane Gesamtüberlebenszeit von 25,1 Monaten. "Das ist eine enorme Steigerung, wenn man bedenkt, dass wir noch vor kurzem mit einer durchschnittlichen Überlebenszeit von nur 12 Monaten zufrieden sein mussten."


Kombinationstherapie sehr gut verträglich
Ein großer Vorteil dieser neuen Waffe im Kampf gegen den Krebs ist die gute Verträglichkeit: Da sich im Körper eines erwachsenen Menschen normalerweise keine neuen Blutgefäße bilden, trifft der Antikörper gezielt nur die Krebsgeschwulst; die gesunden Zellen bleiben weitgehend verschont. Von Vorteil ist, dass es unter Avastin nicht zu Knochenmarksschädigungen kommt. Außerdem verursacht der Angiogenese-Hemmer keine Übelkeit, kein Erbrechen und keinen Haarausfall. Bis auf einen Anstieg des Blutdrucks, der gut zu behandeln ist, unterschied sich das Nebenwirkungsprofil der Kombination mit dem monoklonalen Antikörper nicht signifikant von der Kontrollgruppe der Zulassungsstudie. Sehr selten, nur bei 1,5 % der Patienten, kam es in der Avastin-Gruppe zu einem Darmdurchbruch.

Hoffnung auch bei anderen Tumorarten
Derzeit wird Avastin in Kombination mit einer Chemotherapie auch bei Patienten mit Darmkrebs in früheren Stadien geprüft. Zudem wird untersucht, ob dieser Wirkmechanismus auch für zahlreiche andere bösartige Tumoren wie Lungen- und Bauchspeicheldrüsenkrebs sowie Nierenzellkarzinome von Bedeutung sein könnte.


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