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  Bernd Möhlmann

Hamburg, 29.06. 2005 14:45

Umfrage: 0,5 Prozent aller Deutschen beantragten im vergangenen Jahr eine Namensänderung.
Schall und Rauch

Butterbrot. Ich kann mich an einen früheren Arbeitskollegen erinnern, der hieß Jürgen Butterbrot. Butterbrot war ein fröhlicher Mensch, stets freundlich, pünktlich, akribisch. Solche Menschen wecken von Haus aus mein Interesse, also befreundete ich mich mit ihm. Eines Abends, so beim Bierchen zusammensitzend, sprach ich ihn auf seinen Namen an, ob er damit gut leben könne, in der Schule gehänselt worden sei, naja, und überhaupt. Butterbrot wurde daraufhin sehr ernst. Er habe, so gestand er alsbald zügig, schon recht häufig darüber nachgedacht, ob es nicht wohl besser sei, seinen Namen ändern zu lassen.

Pontius Krägelchen zum Beispiel sei ein schöner Name, und auch Urs von Gehlenberg entbehre nicht einer gewissen Pfiffigkeit. Aber in solchen Momenten tiefen Zweifelns, so fuhr Butterbrot fort, sei ihm stets bewusst geworden, dass sein Name doch immens zur Charakterbildung beigetragen habe. "Ein solcher Name", sagt er abschließend, "führt dazu, sich niemals die Butter vom Brot nehmen zu lassen."

Im Kindergarten meines Sohnes, der übrigens den kräf-tigen Namen Henry trägt und den ich gern Heinrich rufe, hörte ich seinerzeit eine Mutter ihre Buben mahnen: "Nun beeile dich doch, Aristid, du weißt, die Ballettlehrerin wartet nicht." Und im Supermarkt um die Ecke erlauschte ich erst kürzlich den unglaublichen Satz "Holger, kommst du mal, Ruby-Jean muss pischern!" Kein Zweifel, da sind menschliche Schicksale quasi vorherbestimmt.

Ich selbst habe einen Namen erhalten, der mir alle Möglichkeiten für ein aktuelles Leben in Zuversicht und später vielleicht gar in Saus und Braus bietet. Ei-gentlich heiße ich ja Bernhard. Bernhard Berthold Möhlmann, um ehrlich zu sein. Aber der einzige Mensch, der mich Bernhard nennt, ist meine Mutter. "Bernhard, noch ein Stückchen Braten?" fragt sie immer, das wirkt auf mich phänomenal beruhigend.

Ganz anders reagiere ich auf die Verknappung bzw. die Verniedlichung meines Namens. Eine junge Frau hat mich mal Bernie genannt, vor etwa 30 Jahren, ganz unmittelbar im Anschluss an einen spontanen Geschlechterverkehr, die Zigarette danach steckte noch in der Packung. Ich bin damals gleich aufgestanden und heimgegangen, heute würde ich auf den Satz "Puuh, das war nicht schlecht, Bernie..." bestimmt wesentlich gelassener reagieren und vielleicht mit einem flotten "Na, dann wollen wir jetzt mal den Bernd ranlassen, was?" antworten, man lernt ja dazu, keine Frage.

Den Gebrauch meines zweiten Vornamens werde ich mir für's Alter aufheben. Bernhard Berthold ist ein perfekter Name für einen ernsthaften Schriftsteller, geradezu unheimlich in seiner Kraft, mit der er die Leser anfällt. Für muntere Aufsätze ist Bernd Möhlmann okay, aber ernsthaftes Zeugs braucht einen stärkeren Absender, da muss der Name sozusagen krachen. Als Bernhard Berthold verkauft man Bücher mit Titeln wie "Am Abgrund" oder "Der Brunnen" oder gar "Das Versteck" millionenfach, da bin ich ganz sicher. "Heute bei uns zu Gast: der Schriftsteller Bernhard Berthold" wird es in den Talkshows heißen, brrr, da läuft es mir schon jetzt kalt den Rücken runter, da kann ich nur vor meinen weitsichtigen Eltern knien und ausrufen: "Danke, dass ihr daran gedacht habt!"


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