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  Nina Grenningloh

Long Beach, 09.06. 2006 04:53

Aus der Reihe: Kalifornische Kolumnen
Speed Limit oder Reihenhaus

Was dem Deutschen sein Reihenhaus, ist dem Kalifornier sein Auto. Ob der höher gelegte Monster SUV (Sports Utility Vehicle, zu Deutsch Geländewagen) mit verchromten Felgen, die wippende, aufgemotzte Rapper Karre á la Pimp My Ride mit integrierter, brachialer Sound- und TV-Anlage, ob der gammelige Redneck Pick-up, von dessen Ladefläche ein Staffordshire Bullterrier böse herunterkläfft oder die blank polierte, schwarze Edelkarosse, meist deutschen Fabrikats, in dem nicht selten ein 16jähriges, stinkreiches Papa-Söhnchen kaum übers Lenkrad schauen kann.

Wo stolze Besitzer eigener vier Wände auf minimalem Raum die deutschen Kleinstädte bevölkern, verbindet der Kalifornier einen ähnlichen leidenschaftlichen Besitzerstolz mit seinem fahrbaren Untersatz. Kein Wunder, sollte man denken, die schlechte Infrastruktur öffentlicher Verkehrsmittel im Westküstenstaat erhebt die Liebe zum Auto zur Notwendigkeit. Nein, ganz so ist es nicht: der Kalifornier an sich liebt sein Fahrzeug aus ganz egoistischen Gründen. Das Auto erfüllt für unzählige Bewohner der Westküste den Traum von Freiheit, Mobilität und Unabhängigkeit.

In Kalifornien, wo man härter und länger arbeitet als anderswo, weil das Leben so teuer ist, steht das Automobil für Autonomie. Wer möchte schon abends, nach einem langen Arbeitstag, aus dem Büro kommen und sich in einem x-beliebigen Wagen in die Staus auf den Freeways begeben? Nur, wer sich in seinem Auto zuhause fühlt, wird auch das Verkehrschaos locker durchstehen. Die Betonung liegt hier tatsächlich auf Stehen, denn an schnelles Fahren ist auf kalifornischen Straßen, vor allem in den Metropolen, nicht zu denken. Ironie des Schicksals, denn das Fahrvergnügen bleibt unter der Sonne Kaliforniens leider meist auf der Strecke.

Sollte man in Ausnahmefällen doch mal ins Rollen kommen, so beschränkt sich der „Fun“ auf höchstens 65 Miles per hour, der allgemeinen Geschwindigkeitsbeschränkung auf US-Freeways. Für uns Deutsche hingegen fängt bei umgerechnet 104 Kilometer pro Stunde der Spaß gerade an. Und das ist nicht die einzige Umstellung… Als ich mich das erste Mal in Los Angeles auf einen Freeway begab, bekam ich es mit der Angst zu tun. Nicht nur, dass die übrigen zig tausend Autos meinen kleinen Toyota Celica meterhoch überragten und ich mich wie ein Gnom unter Monstern fühlte; nicht nur, dass ich als Deutsche, die kleine Verhältnisse gewohnt ist, Gefahr lief, auf dem zwölfspurigen Monstrum von Straße die Orientierung zu verlieren; nicht nur, dass nahezu jeder Fahrer hinterm Steuer alles andere zu tun schien, als sich auf die Straße zu konzentrieren: telefonieren, einen Burger essen oder Zeitung lesen! Wie gesagt, ich hatte eine Heidenangst.

Nein, vor allem machte mir das Speed Limit zu schaffen. Ich versichere jedem deutschen Autofahrer, der zum ersten Mal die Anarchie eines US-Freeways am eigenen Leib spürt: 65 Meilen können verdammt schnell sein, wenn dich von rechts ein 18Wheeler überholt und von links ein röhrender Riesen SUV an dir vorbeizieht. Hinten hängt dir ein Redneck in seinem Pick-up auf der Stoßstange, und du möchtest auf keinen Fall dem nagelneuen Mercedes, der dich jetzt von schräg rechts schnippelt, hinten drauf krachen. Wer gerät da nicht manchmal ins Träumen… Ich träume ab und zu von einem schnuckeligen Reihenhaus, das ruhig und friedlich in einer deutschen Kleinstadt vor sich hin schlummert. Doch dann - PENG! - wache ich aus meinem Tagtraum auf, wenn ich an den bierbäuchigen Spießer mitsamt Gartenzwerg Sammlung von nebenan denke, der seinen grölenden Rasenmäher pünktlich um neun am Samstagmorgen anschmeißt. Dann lasse ich mir doch eher ein autonomes Auto auf chaotischen Straßen in Sunny California gefallen.


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Nina Grenningloh
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