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  Christiane Barth

Spechbach bei Heidelberg, 07.10. 2005 10:02


Auf der Suche nach der ökologischen Nische

Söhne werden erwachsen - und wachsen ihren Eltern über den Kopf


Dass Kinder groß werden, ist ja allgemein bekannt, dass sie über ihre Eltern hinauswachsen auch nicht weiter schlimm, doch dass sie bereits in zartem jugendlichen Alter Kompetenzen entwickeln, die weit über das Verständnis ihrer Erzeuger hinaus gehen, ist ein Umstand, der so nicht mehr hinzunehmen ist. Kurz: es ist ein Skandal.
Ich bin wahrlich keine Dilettantin im Umgang mit dem PC, doch was mein Sohn da leistet, überbietet alles, dabei habe ich dieses Kind vor 15 Jahren selbst geboren und beide waren wir damals noch ganz unbedarft mit all den Bits und Bytes, die die Zukunft für uns vorgesehen hatte. Heute raufe ich mir die Haare, wenn die Festplatte streikt, die Software ausfällt und das binäre System weniger gehorchen mag als mein Sohn. Er allerdings ist der Retter in der Not: ich rufe um Hilfe, er kommt und richtet alles im Handumdrehen, rückt Fenster zurecht, als wären es gezinkte Asse, navigiert mit der Maus, als wäre es ein Häufchen Falschgeld auf einem Rouletttisch und klickt sich durch die abertausenden Optionen, tiefschichtigen Programme, repariert Fehler und bastelt mir eine Oberfläche, mit der auch ich mich wieder zurecht finde. Er ist das, was man einen Heavy User nennt, hat das Know-How, spricht aber in einer Sprache, die für mich übersetzungsbedürftig ist. Wenn er mit seinen Freunden telefoniert, verstehe ich nur die Hälfte, obwohl ich diejenige war, die als Erste eine Tastatur bedienen konnte. Mittlerweile ist es schon so weit, dass ich mir gar nicht mehr die Mühe mache, ein neues Programm zu installieren, denn mein Sohn kann das sowieso viel besser, schneller und eleganter. Doch auch andere Kernkompetenzen werden mir sukzessive abgesprochen, denn ich habe noch einen Sohn. Er wiederum hat nun mit Computern nichts am Hut, dagegen aber ein goldenes Händchen für Bohrmaschinen, Wasserpumpenzangen und Steckschlüsselsätze. Defekte Geräte aller Art landen auf seinem Schreibtisch, im Keller sieht es aus wie im Werkzeugfachhandel, verklemmte Rollläden, wacklige Gardinenstangen, und spuckende Rasenmäher sind eine Herausforderung für meinen Größten. Spezialisten sind bei uns hausgemacht und der Expertenbonus landet als Beigabe auf dem Taschengeldkonto. Was allerdings nicht funktioniert ist, die Rollen zu tauschen. Mein Erstgeborener im Blaumann kriegt kaum sein Arbeitsprotokoll ausgedruckt, ohne dass ich ihm unter die starken Lehrlingsarme greifen muss, und der zweite im Bunde kann einen Schraubenschlüssel nicht von einem Ringschlüssel unterscheiden und löst seine Probleme lieber virtuell. Und ich? Ich bin gänzlich überfordert, möchte ich die Konsole für den neuen PC an die Wand schrauben, weil ich nicht weiß, wer dafür zuständig ist. Ich selbst habe meine Fähigkeiten nicht entsprechend weiterentwickelt, dachte immer, wozu hab` ich schließlich Söhne. Neulich machte ich kurzen Prozess und wir sichteten Sperrmüll. Alles flog raus, was seit Menschengedenken nicht mehr benutzt worden war. Die Gebeine alter Rechner, Spanplatten, Metallgehäuse irgendwelcher Maschinen, an die sich keiner je mehr erinnern konnte und Kisten, Kisten, Kisten. Ich war so glücklich, alle meine Kinder wieder vereint zu wissen und dirigierte munter drauf los wie ein Verkehrspolizist. Bis ich feststellte, dass der Müll nicht auf der Straße, sondern in den Jugendzimmern verschwand, die Elektronik links, die Hardware rechts. Keiner ist vollkommen, dachte ich bei mir, und jeder hat sich die ökologische Nische geschaffen, aus der er nicht mehr rauskommt. Und ich? Ich hänge irgendwo dazwischen, frage mich, wo eigentlich jemals meine Nische war und fange an zu grübeln.
Meine Nische ist dort, von wo man das alles beobachten kann. Damit ich wenigstens noch hinterher etwas zu sagen habe.
Christiane Barth


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