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  Michael Eichhammer

München, 05.07. 2005 16:16

Egoshooter im Kreuzfeuer: Wie viele Liter Blut dürfen in ein Computerspiel?
Bildschirm-Mörder

Die Vertreiber von Egoshooter-Spielen stehen zwischen den Fronten von Spielefreaks und der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften. Grünes Blut und verschwindende Leichen gehören zu ihrem Tagesgeschäft.

Keine andere Computerspiele-Gattung steht mehr im Kreuzfeuer der Kritik als die Ballerspiele namens Egoshooter. Das Besondere - und damit auch der Reiz - an Egoshootern ist, dass der Spieler dank der „Kameraführung“ in die Rolle des Protagonisten schlüpft: Gerannt und geballert wird aus der Perspektive der Spielfigur, die Augen des Spielers sehen, was sein virtuelles alter ego sieht. Und das sind meistens abgetrennte Gliedmaßen, spritzendes Blut, Menschen, die vor ihm fliehen oder ihn angreifen. In labyrinthartigen virtuellen Welten gilt es, den Ausweg zu finden. Blut ist der rote Faden durch die dünne Handlung. Leichen pflastern den Weg des Spielers. Die moralische Legitimation: Er ist der Gute, der sich gegen die Bösen verteidigen muss. Anders als in manchen anderen Ländern gibt es in Deutschland mit der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften eine Institution, die darauf achtet, dass Egoshooter nicht allzu exzessiv in Ihrer Gewaltdarstellung sind. Das war auch schon vor Erfurt so.
Die Hersteller und Vertreiber der Egoshooter-Spiele sind die Diener zweier Herren. Sie stehen zwischen den Fronten von Egoshooter-Fans und Bundesprüfstelle. Die Prüfstelle gilt bei den Gamern im wahrsten Sinne des Wortes als Spielverderber. Die deutschen Vertriebsfirmen der Spiele müssen sich entlang eines sehr schmalen Grats bewegen, weil sie es sich aus ökonomischen Gründen nicht erlauben können, eines der beiden Lager zu verärgern. In vorauseilendem Gehorsam gegenüber der Bundesprüfstelle modifizieren sie Spiele mit hohem Blutverlust für den deutschen Markt: Hakenkreuze werden entfernt, Blut fließt entweder gar nicht mehr oder wird grün gefärbt. Leichen bleiben nicht am Boden liegen, sondern verschwinden. Teilweise werden feindliche Gegner durch Roboter ersetzt, etc. Wenn die Bundesprüfstelle das Spiel immer noch für gewaltverherrlichend hält, wird das Spiel indiziert. Dann ist es in Deutschland, wenn überhaupt, nur noch ab 18 Jahren zu erstehen. Und eher unter dem berühmten Ladentisch als im familienfreundlichen Kaufhaus. Rüdiger Moersch vom Spielevertrieb THQ: „Zum Teil haben Spiele, die indiziert wurden für mehr Furore gesorgt, als wenn das nicht passiert wäre. Zu höheren Verkaufszahlen führt das aber nicht. Im Gegenteil – weil die meisten Händler sich scheuen, größere Ordermengen eines indizierten Titels zu bestellen.“ Kaufhäuser weigern sich oft, den Titel überhaupt anzubieten. Die Folge für den Spiele-Distributor sind empfindliche wirtschaftliche Einbußen, denn Egoshooter gehören zu den meistgekauften Spielen. Dabei geht es nicht um Peanuts – die Spieleindustrie macht mittlerweile mehr Umsatz als die VHS-, Kino- oder DVD-Industrie. Die einzigen, die am Reiz des Verbotenen verdienen, sind illegale Raubkopierer. Und es kam auch schon vor, dass Spielehersteller aus den USA eine Indizierung auf dem deutschen Markt für eine fragwürdige Marketingkampagne nutzten – indem sie das Stigma Indizierung in ein „Gütesiegel“ verwandelten. Björn Kohlmeyer, der sich auf seiner Internetseite „Blood is Red“ gegen die Zensur oder Modifikation von Spielen ausspricht, weiß: „In Amerika funktioniert so etwas sehr gut. Dort gibt es keine Indizierung bei Spielen. Im Gegenteil, das Erfolgsprinzip lautet: Je härter, desto besser.“
Wie weit ein Spiel entschärft werden soll, ist für die deutschen Vertriebsfirmen immer eine Gratwanderung. Es liegt in ihrem Interesse, nur soviel zu verändern, dass das Spiel gerade noch dem Index entgeht. Nur dann wird das Spiel auch von der Hardcore-Fangemeinde akzeptiert. Wenn sich die Spielefreaks statt dessen im Ausland die brutalere Originalversion bestellen, geht der deutsche Vertrieb leer aus. „Eines ist jedenfalls sicher: Allen kann man es nie recht machen, egal wie sehr man sich anstrengt.“, meint Rüdiger Moersch von THQ .
Auf den Vorwurf vieler Egoshooter-Fans, der Spieler würde durch die kosmetischen Eingriffe in den Gewaltlevel der Spiele bevormundet, meint Moersch: „Das ist wirklich ein Streitpunkt. Auf der einen Seite müssen wir unsere Kinder schützen, auf der anderen Seite sollte es jedoch eine Möglichkeit für Erwachsene geben, die Spiele zu spielen, welche sie auch spielen wollen.“ Diese Möglichkeit gibt es auch. Und die Profis unter den Gamern machen reichlich Gebrauch davon. Björn Kohlmeyer erklärt: „In den meisten Fällen schaffen es clevere Hobby-Programmierer, das Original-Spiel komplett wiederherzustellen. Das Ergebnis ist ein sogenannter ´Blood Patch´, den jeder sich im Internet runterladen kann.“ Was wieder einmal beweist: Es gibt für nichts eine hundertprozentige Sicherheit.


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