

Boulevard
München/Gauting, 23.11. 2009 07:17
Speakers Corner - Meinungen ohne Sinn und Verstand
Jeder richtet sich's, wie er's braucht
Speakers Corner - Meinungen ohne Sinn und Verstand
Jeder richtet sich's, wie er's braucht
Freunde tun es, Fremde tun es, Ehefrauen tun es, Kinder tun es sowieso. Das ganze soziale Leben scheint von Halbinformationen zu leben. Leider kann man überhaupt nichts dagegen tun, außer mann hört gar nicht erst hin. Beispiel: Der Kollege kommt und beschwert sich die kontinuierliche Behandlung, die ihm der gemeinsame Chef seit Monaten (!) angedeihen lässt. Von Mobbing ist die Rede, das Betriebsklima scheint gründlich vergiftet zu sein.
Wenn man Glück hat, erfährt man – bevor man nun in Tenor der Wehklagenden einstimmt – dass der liebe Kollege im gleichen Zeitraum drei Aufträge versaut hat, die Abrechnungen von anderen Arbeiten fehlerhaft oder überhaupt nicht ausgestellt hat und auf dem Weihnachtsfest der Firma im Vollrausch die Ehedame des Firmeninhabers in ziemlich aggressiver Weise angemacht hat. Schon sitzt man da und fühlt sich verschaukelt. Nützt auch nichts, den Kollegen auf seine etwas fehlerhafte Argumentation aufmerksam zu machen, da man sich dabei nur wieder neue zurechtgebogene Wahrheiten und Tatsachen einhandelt.
Oder, die vortrefflichste aller Lebensgefährtinnen weiß von ihrer Freundin, dass XYZ ein schwungvolles Verhältnis mit seiner (verheirateten!) Sekretärin hat. Was man nicht erfährt ist,dass eben dieser Freund selbst ein Auge auf XYZ geworfen hat und wir wissen alle, zu welchen Rachegelüsten enttäuschte Frauen fähig sind. Wiederum dürfte jede Richtigstellung müßig sein.
Einen der schönsten Bereiche für derartige Episoden und Anekdoten bietet natürlich die Medizin. Was haben wir da nicht schon von Spontanremissionen, Wunderheilungen und vor allem den Vorzügen der Alternativmedizin versus Schulmedizin gehört. Es ist immer wieder ergreifend zu sehen, wie die Äuglein blitzen und die Stimme am Diskant zerbricht, wenn wir uns die neuesten Erfolge mit diesem oder jenem obskuren Präparat aus der Hexenküche der sogenannten Naturpräparate anhören dürfen. Selbstverständlich hat nach einem endlosen Leidensweg Mutter Natur, mithilfe geschäftstüchtiger Hersteller dieser Mittelchen, das jeweilige Gebreit unter ihre Fittiche genommen und – Bingo – als geheilt entlassen. Sollte man es wagen, dann einen schüchternen Hinweis auf ein doch recht robustes Immunsystem zu äußern, das es trotz des Einsatzes dieser weitgehend wirkungslosen Arznei geschafft mit der Krankheit fertig zu werden, wird man im besten Fall zum Banausen erklärt. Wobei auch schon von wesentlich gravierenderen Konsequenzen berichtet wurde. Da kann man nur ganz still und heimlich seufzen und sich denken „Plazebo, das du bist Himmel“.
Wem all dies noch nicht reicht, mag sich zu einem x-beliebigem Stammtisch seiner Wahl begeben und zuhören, was dort alles an unumstößlichen Tatsachen in die Gegend gehustet wird. Beliebte Themen, frei heraus gegriffen: Ausländer im Allgemeinen und Großem und Ganzen, Verdorbenheit der Jugend, schreiende Ungerechtigkeit der Steuerbehörden, Unfähigkeit der Politiker, sittenloses Verhalten der Reichen, Schönen und Berühmten; es erübrigt sich die Liste weiter zu führen, da so ziemlich alles Platz hätte. Immer bekommt man eine felsenfest überzeugende Version geliefert, die in den meisten Fällen auf falsch interpretierten und kolportierten Informationen beruht. Sollte man sich die vergebliche Mühe machen, mit Gegenstatistiken (hoffentlich richtigen) oder Fakten zu kommen, die eine solche Suada bizarr erscheinen lassen, wird man im besten Fall zum Nestbeschmutzer deklariert, aber auf jeden Fall nie wieder eingeladen werden. Man möcht' bitteschön schon unter sich bleiben, mit se4inen Vorurteilen. Vor allem beim Schlechtmachen unserer „ausländischen Mitbürger“ (oder wie auch immer die augenblickliche Sprachregelung lautet) trifft der schöne Satz vom alten Helmut Qualtinger ins Schwarzbraune: „Ich hab' Garnix gegen Ausländer, solang's zu Hause bleiben“.
Und so hangeln wir uns von einer Desinformation, von einer Halbwahrheit zur nächsten zurechtgebogenen Wirklichkeit und wissen am Ende des Tages überhaupt nicht mehr, was wir nun glauben sollen. Aber dann geht’s erst richtig los: Mit den Dutzenden von Nachrichten-Versionen desselben Tatbestands, den uns allabendlich unsere vielen, vielen Fernsehanstalten ins Haus liefern. Aber auch da müssen wir durch...
tomas nittner ist bildender Künstler, Grafiker und Autor. Seine Ausbildung genoss er an der Accadèmia di Brera in Mailand und an der Hochschule für Gestaltung, Abteilung Visuelle Kommunikation, in Ulm. Er war Mitarbeiter bei Otl Aicher für die Gestaltung der Olympischen Spiele in München 1972. Er hat ein Drittel seines arbeitenden Lebens im Ausland verbracht: Italien, Schweiz, Frankreich, Mexiko, USA. Als Grafiker hat er für namhafte Firmen im Bereich Corporate Design gearbeitet. In der bildenden Kunst stellte er in Deutschland, Italien, Frankreich, Griechenland und den USA aus. Als Autor war er an verschiedenen Satirebänden beteiligt und verfasst laufend satirische Texte, aber auch Werbetexte sind ihm nicht ganz fremd.
tomas nittner ist böhmisch-österreichischer Herkunft, in der Zwischenzeit eingemeindet.
Bildunterschrift:
tomas nittner
Kontaktinformationen:
Wenn man Glück hat, erfährt man – bevor man nun in Tenor der Wehklagenden einstimmt – dass der liebe Kollege im gleichen Zeitraum drei Aufträge versaut hat, die Abrechnungen von anderen Arbeiten fehlerhaft oder überhaupt nicht ausgestellt hat und auf dem Weihnachtsfest der Firma im Vollrausch die Ehedame des Firmeninhabers in ziemlich aggressiver Weise angemacht hat. Schon sitzt man da und fühlt sich verschaukelt. Nützt auch nichts, den Kollegen auf seine etwas fehlerhafte Argumentation aufmerksam zu machen, da man sich dabei nur wieder neue zurechtgebogene Wahrheiten und Tatsachen einhandelt.
Oder, die vortrefflichste aller Lebensgefährtinnen weiß von ihrer Freundin, dass XYZ ein schwungvolles Verhältnis mit seiner (verheirateten!) Sekretärin hat. Was man nicht erfährt ist,dass eben dieser Freund selbst ein Auge auf XYZ geworfen hat und wir wissen alle, zu welchen Rachegelüsten enttäuschte Frauen fähig sind. Wiederum dürfte jede Richtigstellung müßig sein.
Einen der schönsten Bereiche für derartige Episoden und Anekdoten bietet natürlich die Medizin. Was haben wir da nicht schon von Spontanremissionen, Wunderheilungen und vor allem den Vorzügen der Alternativmedizin versus Schulmedizin gehört. Es ist immer wieder ergreifend zu sehen, wie die Äuglein blitzen und die Stimme am Diskant zerbricht, wenn wir uns die neuesten Erfolge mit diesem oder jenem obskuren Präparat aus der Hexenküche der sogenannten Naturpräparate anhören dürfen. Selbstverständlich hat nach einem endlosen Leidensweg Mutter Natur, mithilfe geschäftstüchtiger Hersteller dieser Mittelchen, das jeweilige Gebreit unter ihre Fittiche genommen und – Bingo – als geheilt entlassen. Sollte man es wagen, dann einen schüchternen Hinweis auf ein doch recht robustes Immunsystem zu äußern, das es trotz des Einsatzes dieser weitgehend wirkungslosen Arznei geschafft mit der Krankheit fertig zu werden, wird man im besten Fall zum Banausen erklärt. Wobei auch schon von wesentlich gravierenderen Konsequenzen berichtet wurde. Da kann man nur ganz still und heimlich seufzen und sich denken „Plazebo, das du bist Himmel“.
Wem all dies noch nicht reicht, mag sich zu einem x-beliebigem Stammtisch seiner Wahl begeben und zuhören, was dort alles an unumstößlichen Tatsachen in die Gegend gehustet wird. Beliebte Themen, frei heraus gegriffen: Ausländer im Allgemeinen und Großem und Ganzen, Verdorbenheit der Jugend, schreiende Ungerechtigkeit der Steuerbehörden, Unfähigkeit der Politiker, sittenloses Verhalten der Reichen, Schönen und Berühmten; es erübrigt sich die Liste weiter zu führen, da so ziemlich alles Platz hätte. Immer bekommt man eine felsenfest überzeugende Version geliefert, die in den meisten Fällen auf falsch interpretierten und kolportierten Informationen beruht. Sollte man sich die vergebliche Mühe machen, mit Gegenstatistiken (hoffentlich richtigen) oder Fakten zu kommen, die eine solche Suada bizarr erscheinen lassen, wird man im besten Fall zum Nestbeschmutzer deklariert, aber auf jeden Fall nie wieder eingeladen werden. Man möcht' bitteschön schon unter sich bleiben, mit se4inen Vorurteilen. Vor allem beim Schlechtmachen unserer „ausländischen Mitbürger“ (oder wie auch immer die augenblickliche Sprachregelung lautet) trifft der schöne Satz vom alten Helmut Qualtinger ins Schwarzbraune: „Ich hab' Garnix gegen Ausländer, solang's zu Hause bleiben“.
Und so hangeln wir uns von einer Desinformation, von einer Halbwahrheit zur nächsten zurechtgebogenen Wirklichkeit und wissen am Ende des Tages überhaupt nicht mehr, was wir nun glauben sollen. Aber dann geht’s erst richtig los: Mit den Dutzenden von Nachrichten-Versionen desselben Tatbestands, den uns allabendlich unsere vielen, vielen Fernsehanstalten ins Haus liefern. Aber auch da müssen wir durch...
tomas nittner ist bildender Künstler, Grafiker und Autor. Seine Ausbildung genoss er an der Accadèmia di Brera in Mailand und an der Hochschule für Gestaltung, Abteilung Visuelle Kommunikation, in Ulm. Er war Mitarbeiter bei Otl Aicher für die Gestaltung der Olympischen Spiele in München 1972. Er hat ein Drittel seines arbeitenden Lebens im Ausland verbracht: Italien, Schweiz, Frankreich, Mexiko, USA. Als Grafiker hat er für namhafte Firmen im Bereich Corporate Design gearbeitet. In der bildenden Kunst stellte er in Deutschland, Italien, Frankreich, Griechenland und den USA aus. Als Autor war er an verschiedenen Satirebänden beteiligt und verfasst laufend satirische Texte, aber auch Werbetexte sind ihm nicht ganz fremd.
tomas nittner ist böhmisch-österreichischer Herkunft, in der Zwischenzeit eingemeindet.
Bildunterschrift:tomas nittner
Kontaktinformationen:
tomas nittner
Wessobrunner Straße 4
82131 Gauting
+49-(0)89-791 68 86
+49(0)171-796 74 27
tomas.nittner@t-online.de
http://www.nittner-arts-painting.de
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