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München/Gauting, 08.02. 2010 07:14

Speakers Corner - Meinungen ohne Sinn und Verstand

Herrn Kaisers neue Kleider oder auf die Accessoires kommt‘s an

Der Frühling naht, wenigstens laut Kalender, und somit die Zeit in der sich die Nation modemäßig wieder völlig neu orientiert. Die ganze Nation? Die ganze Nation, bis auf die kleine Gruppe traditionsbewusster Recken, die in jeder kleinen oder großen Stadt auftreten und circa 98% Prozent der Bevölkerung ausmachen. Resistent gegen jede Art von kleidungsmäßiger Veränderung, winden sie treu und fest die Fähnchen der frommen Denkungsart um ihre Lenden. Sie begegnen uns jeden Tag, in ihrem schlamm- bis schmutzig grauen Hosen die im Schritt fast bis zum Boden, an den Hacken dafür bis weit unter die Absätze ihrer ausgetretenen Turnschuhe reichen.

Die kleidsamen Windjacken und verknitterten Anoraks, die sie dazu tragen, künden von obskuren Eishockeyvereinen, die sie wahrscheinlich noch nicht mal mit Google Earth finden würden, oder von amerikanischen Hochschulen, deren Namen sie zumeist nicht aussprechen können. Das Bild, das wir durch diese kurze Beschreibung vor Augen haben, dürfte plastisch genug sein.

Aber die Accessoires stimmen! In den weiträumigen Taschen dieser glorifizierten Karussellabdeckungen findet sich garantiert, neben verkrümeltem Zigarettenpapier, ein glänzender iPod, durch Ohrstöpsel fest mit dem Kopf verschweißt und unter dem Arm weitere Produkte der Firma mit dem angebissenen Apfel, die nur eins beweisen müssen: Wir sind die Elite der Nation, uns kann keiner. Dass die Musik im Ohr wohlfeile Marktware ist, die von einschlägigen Radiostationen mantraartig in den Äther geblasen wird, fällt ihnen schon gar nicht mehr auf. Monteverdi, oder Ähnliches dürfte eher selten daraus erklingen. Die schmucken Rechner dienen hauptsächlich zur Wichtigtue. Macht ja schon was her, wenn man sich - wie früher die Herde an der Tränke - in Lokalen mit „Hotspot“-Anschluss trifft, die hocheleganten Dinger hochfährt, nebenbei einen „Latte“ bestellt und dann seine ganzen Schätze weiträumig auf dem Tisch verteilt, als da sind iPhone, iPod, Funkmaus, Schlüsselbunde, die einem Hausmeister zur Ehre gereichen würden. Dann wird mit wichtiger Mine das Mailabfragen geübt, um so schnell wie möglich zu irgendwelchen Chatprogrammen zu wechseln ohne die der junge Mann von Welt keinen Moment des Tages aus dem Haus gehen würde. Ab und zu mag ja jemand dazwischen sein, der wirklich arbeitet, aber im Großen und Ganzen dient der elektronische Fuhrpark doch nur der Zerstreuung und dem Amüsement.

Aber die Industrie schläft nicht! Denn höre, aus fernen Landen kommt Kunde, dass ein neues Gerät die modische Frühjahrskollektion bereichern wird. Der Herr aller angebissenen Äpfel hat die Geburt des iPad verkündet und der Teil der Welt mit zu viel Zeit und Geld in der Tasche, kann es kaum erwarten die einschlägigen Emporien zu stürmen und der „First Kid on the Block“ zu sein, der seinen zittrigen, schweißnassen Hände um diesen Schatz legen darf. Nicht umsonst haben die Amerikaner den schönen Begriff der „Cash Cow“ erfunden; anders gesagt, man muss die Kuh, die man melken, will auch pfleglich behandeln, indem man ihr ab und zu ein neues Spielzeug unterjubelt. Schön ist dabei ja die Freude über den niedrigen Preis, mit dem das Gerät unters willige Volk gebracht werden soll. Erinnert ein bisserl an die Politik der Drucker-Industrie, die Kiste selbst zu verschleudern, aber dafür bei den Tintenpatronen übersatt zulangen zu können. Denn natürlich ist der iPod wohlfeil, wollen doch jede Menge Industrien mit Zusatzprogrammen, Spielen und allerlei Kurzweil Geld ohne Ende machen. Der genialste Schachzug ist aber wahrscheinlich, die größten amerikanischen (und bald auch europäischen) Verlage ins Kalkül einzubeziehen, und das Ding als Leseplattform zu verkaufen. Das wird wahrscheinlich sogar funktioniert, kann man doch so all die Bücher, die man sowieso nie gelesen hat und nie lesen wird, als Download auf seinem Elektronik-Schindel rumtragen und mächtig mit einer Bildung angeben, die allerdings nach Betätigung des „Aus“-Knopfes meist rettungslos in sich zusammenfällt.



tomas nittner ist bildender Künstler, Grafiker und Autor. Seine Ausbildung genoss er an der Accadèmia di Brera in Mailand und an der Hochschule für Gestaltung, Abteilung Visuelle Kommunikation, in Ulm. Er war Mitarbeiter bei Otl Aicher für die Gestaltung der Olympischen Spiele in München 1972. Er hat ein Drittel seines arbeitenden Lebens im Ausland verbracht: Italien, Schweiz, Frankreich, Mexiko, USA. Als Grafiker hat er für namhafte Firmen im Bereich Corporate Design gearbeitet. In der bildenden Kunst stellte er in Deutschland, Italien, Frankreich, Griechenland und den USA aus. Als Autor war er an verschiedenen Satirebänden beteiligt und verfasst laufend satirische Texte, aber auch Werbetexte sind ihm nicht ganz fremd.
tomas nittner ist böhmisch-österreichischer Herkunft, in der Zwischenzeit eingemeindet.



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