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München/Gauting, 21.12. 2009 03:42

Speakers Corner - Meinungen ohne Sinn und Verstand

Hellseher, Schwarzseher, Horoskope

Ohne groß vorhandene oder nichtvorhandene Intelligenzquotienten zu bemühen, darf man wohl beruhigt sagen, dass all die Leute, die sich beruflich oder privat mit Zukunftsprognosen beschäftigen im schlimmsten Fall Scharlatane, im einfachen Hausgebrauch Dummköpfe sind. Wären sie wirklich fähig einigermaßen genaue Voraussagen zu machen, wären die Kassen aller Lottogesellschaften aller Bundesländer Deutschlands bis auf den letzten Pfennig pleite, stier, abgebrannt, näga, wie der Wiener sagt (der G‘scherte). Nicht nur das: Wallenstein wäre seiner Ermordung entgangen und wahrscheinlich würde das World Trade Center immer noch seine einfallslose Architektur in den Himmel recken.

Während des Jahres kann man sich diesen Spökenkiekereien ja meistens entziehen, aber im Dezember gibt es kein Entrinnen. Jedes Boulevardblattl, das etwas auf sich hält, bringt groß und den ganzen Monat lang diesen genagelten Schwachsinn auf mindestens einer ganzen Seite. Täglich, mit Fotos prominenter Zeitgenossen, mit Charakterbeschreibungen, die seit Jahrzehnten beliebig austauschbar sind mit immer denselben Aussagen (wiederum auswechselbar). Es wird berichtet, dass derjenige in der Redaktion, der einigermaßen erfindungsreich schreiben kann, ein paar Tage Zeit bekommt, sich den Vor- beziehungsweise Nachteilen der verschiedenen Sternbilder zu widmen und daraus ein Konglomerat von psychologisierendem Sums zusammenzuschreiben.

Beliebte Aussagen der ertappten Leser dieses Quarks (laut Goethe wird getretener Quark breit, nicht stark), lauten unweigerlich alle gleich. „Natürlich glaube ich nicht an soooo etwas, aber mein Mann (meine Frau) ist Fisch und ich bin Kaulquappe (oder was auch immer) und was Wahres ist da schon dran, an den Sternbildern“ Oder, „Kürzlich stand in meinem Horoskop, mir würde heute etwas passieren und dann ist mir ein Ziegelstein fast auf den Kopf gefallen“. Na prima, jetzt halten sich sogar schon die Ziegelsteine ans Horoskop-Lesen! Es gibt zwei Möglichkeiten, wie eine solche Schicksalsvorhersage präzise zutrifft: Entweder man hält sich peinlich genau daran, was drin steht, oder man liest es nicht. Aber dann ist es natürlich nicht sehr erleuchtend für die nähere oder weitere Zukunft, aber wahrscheinlich das einzige Vernünftige.

Schön sind in dem Zusammenhang die gelehrten Hinweise auf die Assyrer, Ägypter, Griechen und was sonst noch alles mal gerade 3000 Jahre zurückliegt. Die hätten schließlich die Grundlagen dieser „Wissenschaft“ gelegt und waren doch auch sonst sehr gescheite Leute. Sie glaubten ja auch, dass die Erde eine Scheibe ist. Aber gerade am Beispiel dieser lang vergangenen Weltreiche (warum wohl?) lässt sich sehr gut studieren, wie selbst die gebildetsten Menschen skrupellosen Geschäftemacher mit Sinn für Theatralik und Aufbau von Spannung herein fallen können. Selbstverständlich für gutes Geld. Natürlich könnte man jetzt einwenden, dass die hehre Wissenschaft damals nicht so weit war wie heutzutage, dass die Menschen ja viel abergläubischer waren und die vielbesungenen Götter ja auch noch mitspielten. Dann fragt man sich, warum unsere ach so aufgeklärten Zeitgenossen heute sich immer noch durchs gleiche Bockshorn jagen lassen.

Aber es gibt ja auch genug Anhänger vieler anderer Glaubensrichtungen, da kommt es auf ein paar Horoskopsüchtige auch nicht mehr an. Vielleicht kommt ja ihr Metzger um die Ecke mal drauf, wieder mit der Gekrösebeschau seiner geschlachteten Rindviecher anzufangen, oder ihr Arzt untersucht ihre Fäkalien nicht mehr auf allfälligen Bakterienbefall sondern liest ihnen die Zukunft anhand dessen, was vom Besuch des 3-Sterne-Restaurants übrig geblieben ist. Klingt merkwürdig, abgefahren, degoutant? Unterscheidet sich aber vom Besuch beim Hellseher, Horoskopleser und anderer Zukunftsforscher nur durch den Geruch.



tomas nittner ist bildender Künstler, Grafiker und Autor. Seine Ausbildung genoss er an der Accadèmia di Brera in Mailand und an der Hochschule für Gestaltung, Abteilung Visuelle Kommunikation, in Ulm. Er war Mitarbeiter bei Otl Aicher für die Gestaltung der Olympischen Spiele in München 1972. Er hat ein Drittel seines arbeitenden Lebens im Ausland verbracht: Italien, Schweiz, Frankreich, Mexiko, USA. Als Grafiker hat er für namhafte Firmen im Bereich Corporate Design gearbeitet. In der bildenden Kunst stellte er in Deutschland, Italien, Frankreich, Griechenland und den USA aus. Als Autor war er an verschiedenen Satirebänden beteiligt und verfasst laufend satirische Texte, aber auch Werbetexte sind ihm nicht ganz fremd.
tomas nittner ist böhmisch-österreichischer Herkunft, in der Zwischenzeit eingemeindet.




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tomas nittner

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