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Ist Deutschland korrupt?

Analysen von Ermittlern für die ZDFzeit-Doku kommen zum Schluss: Bestechung ist hierzulande weit verbreitet und strukturell tief verwurzelt.

Beitragslänge:

43 min

Datum:

08.06.2017

Verfügbarkeit:

Video verfügbar bis 08.06.2018, 22:25

Produktionsland und -jahr:

Deutschland 2016

"Korruption ist effektiv, attraktiv und lukrativ", sagt Korruptionsexperte Wolfgang Schaupensteiner. 100 Millionen Euro Bestechungsgelder fließen jährlich in Deutschland, schätzt das BKA.

Doku | ZDFzeit - Korruption BILDERSERIE (1/7)

2014 gab es laut Bundeskriminalamt Ermittlungen wegen 20.300 Korruptionsstraftaten. Aber kaum eine Ermittlung führte auch zu einer Verurteilung.

Datum:

04.04.2016

Doku | ZDFzeit - Korruption BILDERSERIE (2/7)

Das BKA beziffert für die letzten fünf Jahre die Bestechungssumme im Schnitt auf jährlich rund 130.000.000 Euro. Durchschnittlich kassieren die Nehmer 25.000 Euro. Das sind jedoch konservative …

Datum:

04.04.2016

Doku | ZDFzeit - Korruption BILDERSERIE (3/7)

Auch die finanziellen Schäden durch Korruption sind hoch – etwa wegen gefälschter Abrechnungen, Steuerhinterziehung, Pfusch. Im Schnitt summieren sich solche Schäden laut BKA in den letzten …

Datum:

04.04.2016

Doku | ZDFzeit - Korruption BILDERSERIE (4/7)

Nur sehr wenige Korruptionsskandale enden in abgeschlossenen Gerichtsverfahren zur Auslandsbestechung (besonders von Amtsträgern). 26 große Verfahren zählte die OECD seit 1999.

Datum:

04.04.2016

Doku | ZDFzeit - Korruption BILDERSERIE (5/7)

Immer wieder heißt es, in bestimmten Ländern läuft ohne Schmiergeld nichts. Wir fragen die Deutschen: Müssen deutsche Unternehmen im Ausland bestechen? Ja, sagen 41 Prozent - Nein, meinen 48 …

Datum:

04.04.2016

Doku | ZDFzeit - Korruption BILDERSERIE (6/7)

Auf die Frage: Schaden Korruption und Betrug der deutschen Wirtschaft? antworteten in unserer Umfrage: Stark oder sehr stark: 71 Prozent, 24 Prozent meinen: Kaum beziehungsweise gar nicht.

Datum:

04.04.2016

Doku | ZDFzeit - Korruption BILDERSERIE (7/7)

Was meinen die Deutschen: Wie weit verbreitet sind Korruption und Betrug hierzulande? Weit verbreitet, sagen: 68 Prozent, nicht weit: 25 Prozent. Die große Mehrheit meint also: Wir haben ein …

Datum:

04.04.2016

"ZDFzeit" fragt: Wie korrupt ist Deutschland? Bestechung, Vorteilsannahme, Schmiergelder sind viel weiter verbreitet als angenommen. Und Polizei und Staatsanwälte tun sich schwer mit der Bekämpfung der Korruption, denn es gilt das Gesetz des Schweigens.

Alle wissen Bescheid, aber keiner redet darüber. Das Risiko, wirklich erwischt und überführt zu werden, ist bei diesem Heimlichkeitsdelikt minimal. Denn alle Beteiligten sind Täter. Zahlreiche Bestecher haben keinerlei Skrupel. Und auf Seiten der Strafverfolger sieht es dürftig aus: Polizei, Staatsanwaltschaften und Gerichte sind überlastet. Und sie werden durch einzelne, sehr komplexe Verfahren blockiert. Die Folgen der Korruption sind gravierend: Sie beschädigt die Grundwerte des demokratischen und sozialen Rechtsstaates. Denn wo Aufträge, Genehmigungen oder Straffreiheit käuflich sind, gehen die Geschäftsmoral und das Vertrauen in Rechtsstaat und Politik kaputt.

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    Ein Film von Steffen Mayer & Chris Humbs
    Schnitt: Oliver Brand & René Schulz
    Kamera: Oliver Hans Wolf, Martin Warren, Holger Hahn & Florian Kössl
    Redaktion: Udo Frank
    Redaktionsleitung: Ursula Schmidt

"ZDFzeit" fragt: Wer ist korrupt? Müssen deutsche Unternehmen im Ausland bestechen? Was hilft gegen Korruption, und lohnt sie sich?

Die Dokumentation beleuchtet anhand verschiedener Korruptionsfälle, wie verbreitet das Schmieren ist. An konkreten Fällen wird erklärt, wie die Anbahnung funktioniert: Man kennt sich schon länger, vertraut sich, hilft sich. Ein System, das die Strafverfolgung so mühsam macht und zu wenigen Ermittlungserfolgen führt. Gezeigt wird außerdem ein aufwändiger Test in der Branche mit der größten Korruptionshäufigkeit, der Bauwirtschaft. Analysen von Ermittlern kommen zum Schluss: Bestechung ist hierzulande weit verbreitet und strukturell tief verwurzelt.

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Im Jahr 2014 verzeichnete das Bundeskriminalamt (BKA) fast 20.300 Korruptionsstraftaten. Dabei wurden laut dem Bundeslagebild Korruption die sogenannten Nehmer im Wert von 140.000.000 Euro geschmiert, fast immer mit Bargeld. Der ehemalige Staatsanwalt Wolfgang Schaupensteiner ist heute spezialisiert auf Korruptionsprävention, er ist sich sicher: "Es gibt wohl kaum eine Branche, die frei ist von Korruption. Das gibt es überall, in der Privatwirtschaft genauso wie bei der öffentlichen Hand. Die Bestechungssysteme funktionieren ungestört über Jahrzehnte."

Eine Straßenumfrage in Dortmund ergab, dass die Befragten mehrheitlich sehr streng urteilen, wenn es darum geht, ab wann ein "Geschenk" zur Korruption wird und wie sie bestraft werden sollte. Die Mehrheit der Passanten sah Sachgeschenke mit einem Wert von über zehn Euro als Bestechung an. Im Regelfall wurde als "angemessene Bestrafung" für Korruption ein weitaus härteres Strafmaß angesetzt, als es vor deutschen Gerichten üblich ist.

Laut BKA-Statistik wird besonders häufig im Dienstleistungsgewerbe, in der Automobilbranche, im Handwerk und im Bau-Bereich korrumpiert. Ein Handwerker aus Münster packt in der ZDF Dokumentation aus und erklärt die Masche: "Ich hatte schon von meinem Vorgänger gehört, dass es üblich ist, den Leuten zu Weihnachten entweder ein kaltes Buffet oder ein bisschen Geld vorbeizubringen und demjenigen, der für die Bausachen verantwortlich ist, noch ein extra Weihnachtsgeschenk." Später sei die Korruption auf gründliche deutsche Art in Höhe von 2,5 Prozent der jährlichen Auftragssumme festgeschrieben worden: "Jemand kommt und verlangt Geld: Abrechnen nannte er das", erinnert sich der Handwerker.

Der gesamtwirtschaftliche Schaden durch Korruption ist immens. So belief er sich laut BKA im Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre auf 270.000.000 Euro. Allein für das Jahr 2014 geht das BKA von mindestens 358.000.000 Euro Schaden aus. Die tatsächlichen Schadenssummen sollen jedoch weitaus höher liegen, da die Folgeschäden von Korruption, insbesondere bei Genehmigungen und Aufträgen, kaum bezifferbar seien. Zudem ist die Dunkelziffer riesig, die meisten Taten bleiben unerkannt. Der Generalstaatsanwalt von Zweibrücken, Horst Hund, schätzt das Dunkelfeld auf 90 bis 99 Prozent aller Korruptionstaten. "Das heißt, viele Täter können zu Recht davon ausgehen, dass sie nicht mit uns in Berührung kommen", erklärt der Strafverfolger.

Der Deutsche Richterbund (DRB) beklagt das Fehlen von dringend benötigten Ermittlern, um mehr Wirtschaftsstrafsachen ahnden zu können. Dr. Peter Schneiderhan vom Präsidium des DRB stellt klar: "Den Willen bei den Staatsanwaltschaften gibt es schon. Aber uns fehlen teilweise die Mittel dazu, indem wir eben nicht genügend Personal haben." Die Verfahren seien hochkomplex und die Zahl der Verfahren, die ein einzelner Dezernent zu erledigen habe, einfach zu groß. In vielen deutschen Unternehmen ist Korruption weiterhin verbreitet, trotz aller betrieblichen Antikorruptionsrichtlinien, den Compliance-Regeln. Ein Insider aus der Immobilienbranche, zu dessen täglichem Geschäft das Bestechen gehört, schätzt, dass bei 30 bis 40 Prozent der unter professionellen Unternehmern abgewickelten Immobiliendeals Korruption im Spiel ist. Vor der Staatsanwaltschaft fürchte er sich nicht: „Wegen Schmiergeldzahlungen ist bei uns noch nie einer aufgeflogen, noch nie! Die Angst vor Strafverfolgung ist gering, das ist irrelevant."

Das Entdeckungsrisiko ist in Deutschland zu gering, da sind sich die Experten einig. Deshalb fordert die Kriminologin Professorin Britta Bannenberg von der Universität Gießen dauerhaft eingerichtete, spezialisierte Korruptions-Staatsanwaltschaften mit ausreichend Personal. "Wir brauchen nicht Massen an Staatsanwälten, wir brauchen im Grunde die Verunsicherung der Täter, die solche Art professioneller Strafverfolgung mit sich bringt." Der Anti-Korruptions-Staatsanwalt Frank Winter aus Neuruppin fordert eine noch breitere gesellschaftliche Sensibilisierung. "Das heißt: Wo beginnt Korruption? Wie verhalte ich mich richtig, wenn ich ein entsprechendes Angebot bekomme? Wie gehe ich um mit Verdachtsmomenten? Das ist und bleibt eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe", erläutert Winter.

Korruption ist eine Straftat, die geheim und unter der Hand abläuft. Der daraus entstandene wirtschaftliche Schaden betrifft jeden Bürger, betont Wolfgang Schaupensteiner: "Die Zeche der Korruption zahlt immer der Steuerzahler."